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Die Marine-Story des Monats

Garantiert kein Seemannsgarn ;-))

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Die Schlange
Wie in jedem Betrieb gibt es auch an Bord irgendwo ein schwarzes Brett für die Bekanntmachungen. Auf einem normalen Frachter wird diese Einrichtung bei der Probefahrt einmal für irgendwelche "Veröffentlichungen" benutzt und bleibt dann lediglich Fußballergebnissen vorbehalten. wobei der auf einen Zettel notierte siegreiche Ausgang eines Matches gegen eine andere Besatzung oft reisenlang stummer Zeuge vergangener Taten bleibt. Im übrigen wird das Brett aber meistens nur durch vereinzelte Heftzwecken oder Papierfetzen geziert. - Nicht so aber eines Tages an Bord des Dampfers WINNIE LATTMANN. Im Betriebsgang vor der Offiziersmesse prangte ein rotumrandeter Zettel mit folgendem Text:

     Aus ihrem Käfig im Proviantraum ist eine Kupferkopfschlange
     ausgebrochen. Der Biß dieses Reptils ist lebensgefährlich.
     Wer von ihr gebissen wir, muß sich sofort bei mir melden!

     Zwiewelfleth - Kapitän

Das war kurz, aber eindringlich.
Die WINNIE LATTMANN stand heimkehrend mit einer Ladung Mais, Baumwolle, Tabak, Erz und mit für europäische Tiergärten bestimmte exotische Tiere in der Floridastraße. Hochsommerliche Hitze machte den Seeleuten an Bord schwer zu schaffen, zumal der mit besten Willen nicht aufzufindenden Schlange wegen sämtliche Bullaugen geschlossen werden mußten. Es wäre nämlich keineswegs nur unangenehm gewesen, wenn sich das Biest durch eine Öffnung in die Wohnräume verirrt hätte.
An Bord herrschte regelrechter Alarmzustand. Überall konnte das fast zwei Meter lange Untier lauern: nach Urwaldart auf den Sonnensegellatten oder einfach in den Rettungsbooten, aber auch zwischen dem Stauholz, das aus Raummangel auf dem achteren Deckshaus lagerte.
Der Kapitän hatte verlangt, daß die Seewache nachts Taschenlampen bei sich trug und mit Knüppeln bewaffnet war.
Auch der dickfelligste Jungmann war durch diese derart außergewöhnliche Maßnahme auf die unmittelbare Gefahr aufmerksam geworden, die ihn bedrohte.
Einer jener Herren war im Morgengrauen von seinem Makker am Ruder abgelöst worden, und da der Ausguckposten am Tage nicht besetzt zu werden braucht, begab er sich hinunter zur Kombüse, erstens, um mittels Trillerpfeife durch den wachhabenden Offizier erreichbar zu sein, und zweitens, um zu erkunden, ob der Koch irgendwo etwas Eßbares vergessen hatte.
Vorsichtig die Sonnensegellatten absuchend und überhaupt sehr aufmerksam, schritt unser Jüngling über das Bootsdeck. Nirgends eine Spur von der Schlange, und in der Kombüse war auch nichts verdächtiges zu erblicken. Befriedigt stellte er seine "Waffe" an die tags zuvor neu gezimmerte Kohlenkiste und jumpte selbst sportlich und elegant oben hinauf, um sich von seinem Rudertörn zu erholen. - Aber im gleichen Moment sprang er mit einem entsetzten Schrei wieder dort herunter. Die Schlange hatte offensichtlich dahinter gelegen, sich bedroht gefühlt und hatte den Ruhestörer heftig in den Achtersteven gebissen. Schreckensbleich flüchtete er aus der Kombüse, lief auf die Brücke und rief: "De Schlang hett mi beten!"
Daraufhin wurde der Wachhabende genauso lebendig, augenblicklich stand der Kapitän im Schlafanzug auf der Brücke, um Maßnahmen zu ergreifen.
Schlangenserum stand selbstverständlich nicht zu Verfügung, und da sich kein Freiwilliger fand, die Wunde auszusaugen, blieb als einziges Mittel eine glühende Zigarre, mit der das Gift in der Wunde unschädlich gemacht werden mußte. Höchste Eile war geboten, und Zwiewelfleth fragte den Unglücksraben: "Wo?"
Er zeigte auf sein Südende, und der Alte kommandierte: "Büx runner!"
Eine dicke Brasil hatte er schon mitgebracht und zündete sie nun hastig an. Der Jungmann mußte sich über den Lotsenbock beugen, und dann begann die Behandlung. Zwei Matrosen hielten den Pechvogel fest, der ob der mittelalterlichen Methode laut stöhnte und jammerte.
Als der Kranke abends, wie der Kapitän sich ausdrückte, "noch immer nicht gestorben war", stellte letzterer aufatmend und abschließend fest: "De Dussel!", denn die Schlange war in der Aufregung natürlich wieder entfleucht.
Die Alarmbereitschaft konzentrierte sich nun auf die Nähe der Kombüse, und als sich der Matrose Gerd Onken am nächsten Tag ebenfalls auf die Kohlenkiste schwang, um auf das Biest zu lauern, biß es wieder zu.
Gewitzt aber durch die Ereignisse am Vortag, drehte sich Gerd vor seiner Flucht zum Kapitän noch einmal um, um die Schlange erst zu erledigen. Mit dem Knüppel holte er aus zu einem fürchterlichen Schlag und hieb auf - einen spitzen Nagel. 08/2021

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