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Die Marine-Story des Monats

Garantiert kein Seemannsgarn ;-))

Die Marine-Story des Monats   Der abgeschlossene Roman des Monats   Der Spruch des Monats   Die Karikatur des Monats   Der maritime Film des Monats

Der Grundgänger
Schauplatz ist der Torpedoschießverband in der Travemünder Bucht.
Der UWO-Lehrgang wohnte nach Absolvierung der Torpedoschule auf der General Osorio, die in der Bucht vor Anker lag, und wurde morgens zum Übungsschießen auf die Torpedoboote gebracht. Die Fähnriche sollten nun in der Praxis beweisen, daß sie auf der TS, auf der Torpedoschule, die Augen nicht auf Null gestellt haben. Fähnrich zur See W. übernimmt für die Dauer seines Schusses mit dem Übungstorpedos auch das Kommando über das Torpedoboot.
Der Kommandant und der Schießlehrer stehen hinter ihm. Sie beobachten die Manöver des jungen Herrn. Nachdem Gegner-Lage und Gegner-Fahrt in den TZA gegeben worden sind und der Torpedo gelöst ist, dreht das Boot mit Höchstfahrt in die Blasenbahn ein, um den Torpedo ja nicht aus den Augen zu verlieren. Gilt es doch jetzt, den Aal wieder einzufangen.
An Backbordseite, mittschiffs vor den Torpedorohren, befindet sich dafür eine Heißvorrichtung. Unter ihr muß der nun im Wasser auf und nieder stehende Torpedo schwimmen, um dann eingepickt und an Bord gehievt werden zu können. Bald kommt voraus der zum besseren Wiederauffinden leicht qualmende Torpedokopf in Sicht. Fähnrich zur See W. gibt seine Kurskorrekturen an den Rudergänger. Er läßt auf langsame Fahrt gehen. Und langsam kommt der in der leichten See auf und nieder wiegende Kopf näher.
„Beide stopp, beide langsame zurück.“
Und ganz langsam gleitet der Torpedo am Bug vorbei, aber auch an der Heißvorrichtung. Erst etwa 40 m dahinter kommt das Boot zum Stehen.
Die Erregung des Kommandanten wird erklärlich, wenn man weiß, daß das Boot nach diesem Fang in den geliebten Hafen einlaufen soll.
Der letzte Schuß des Tages also.
Er sagt dem Fähnrich W. sehr deutlich, was er von dessen Fahrkunst hält und ruft dann mit dem Ton eines Mannes, der ganz genau weiß, was er will und kann: „Kommandant fährt weiter ... langsame zurück“, und dann, den Torpedo im Auge behaltend, ruft er über die Schulter dem Fähnrich zur See W. sehr selbstsicher zu: „Sehen Sie mal zu, wie Kommandant Aal von achtern fängt.“
Das Boot nimmt langsam Fahrt nach achtern auf. Kommandos, Fahrt und die Ruderlage betreffend, jagen sich. Alle Mann starren auf den Torpedo, gebannt und voller geheimer Neugier. Sie verfolgen das schwierige Manöver. Plötzlich ist der Aal nicht mehr von der Brücke zu sehen. Er ist hinter dem Heck verschwunden. Ein laut schepperndes Geräusch zeigt an, daß Torpedo und Schrauben Berührung haben.
Umsichtig befiehlt der Kommandant:
„Klar bei Grundgängerboje' wirf Grundgängerboje.“ Kurz darauf rauscht auch der Anker in den Grund. Das Boot muß jetzt solange bei dem Grundgänger liegenbleiben, bis ein Torpedofangboot mit einem Taucher zur Stelle ist. Das kann, die Erfahrung hat es gelehrt, ziemlich lange dauern.
Aus ist's mit dem Einlaufen, aus ist's mit dem abendlichen Landgang. Nun erst recht.
In das eisige Schweigen auf der Brücke tönt die helle Stimme des Fähnrichs W. hinein:
„Herr Kaleu, melde Befehl ausgeführt, zugesehen wie Kommandant Aal von achtern fängt.“
Die Worte des Kommandanten verschweigt des Sängers Höflichkeit, aber selten sah man einen Fähnrich so schnell den Niedergang von der Brücke abwärts sausen.