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Die Marine-Story des Monats

Garantiert kein Seemannsgarn ;-))

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Übergesetzlicher Notstand
Es war Sommer, und die Sonne lachte von einem azurblauen Himmel auf eine friedliche See, in deren sanfter Dünung MS GREIF nur unmerklich rollte. Gemütlich knarrte das Holz der Verschalung, und es war nichts, was meine Kreise als wachhabenden Steuermann hätte stören können. Der Alte hielt seinen Mittagsschlaf; die lästige Überstundenabrechnung für die Matrosen war schon fertig, und weil kein Land in Sicht war, kein Funkfeuer erreichbar und astronomische Navigation in der Ostsee nicht betrieben wird, konnte ich die Seefahrt in vollen Zügen genießen. Müßig und zufrieden saß ich auf dem Lotsenbock, beide Ellbogen auf den Klapptisch gestützt, und dachte an nichts.
Ganz anders mußte es mit dem Rudergänger gewesen sein, der hinter mir den Kurs hielt. Der hatte offenbar zu dieser Zeit nicht nur gar keine, sondern ganz besonders schwarze Gedanken, denn nach einer Anrede und einem sonderbaren Gestammel antwortete er auf meine entsprechende Aufforderung, sich klar auszudrücken und kein krauses Zeug zu reden: "Ick heff mi wat an´ Mors holt!" Das hatte ich klar verstanden. Aber infolge verschiedener Überlegungen mußte ich dazu ein nicht besonders schlaues Gesicht gemacht haben, denn der Jungmann - um einen solchen handelte es sich bedauerlicher Weise - bekräftigte seine Prophezeiung mit dem Nachsatz: "In Hamburg!"
Er hatte sich dort also etwas eingebrockt, was man sich bei leichten Mädchen "wegholen" kann.
Dieses hatte er mir nun nicht erzählt, um ein Gesprächsthema zu haben, sondern um meine Hilfe als Medizinmann in Anspruch zu nehmen, dessen Stellung ich als II. Offizier innehatte, ob ich wollte oder nicht.
"Dann gehst du in Helsinki zum Arzt", sagte ich.
"Lieber will ich sterben, als daß jemand dahinter kommt!"
"Ich bin schließlich nun schon dahinter", stellte ich fest.
Mit großen Augen sah er mich nahezu flehend an. "Sie wissen ganz genau", jammerte er, "daß ein Arzt vom Makler bestellt wird, daß die Rechnung an die Reederei geht und daß der Alte davon erfahren muß und ..."
"... und daß deine Eltern benachrichtigt werden müssen, weil du minderjährig bist", vollendete ich diesen verhängnisvollen Satz.
Er schwieg. - Und ich schwieg auch.
Und ich wette, unserer beider Gedanken kreisten um seinen Märtyrertod, den er so überzeugend zitiert hatte.
"Und was nun?" fragte ich ihn, weil die Angelegenheit ja irgendwie klariert werden mußte.
"Geben Sie mir ´ne Spritze!?
"Ja!" antwortete ich so bestimmt wie möglich, denn ich war davon überzeugt, daß ein Doktor einen Patienten als erstes Vertrauen einflößen sollte. "Heute Nacht während der Wache in der Funkbude!"
"Besten Dank!" murmelte er und brachte das Schiff wieder auf den Kurs, von dem er es um mindestens zwanzig Grad abgebracht hatte.
Wie ich diese medizinische tat vollbringen sollte, zu der ich mich spontan bereiterklärt hatte, war mir in diesem Moment so schleierhaft wie der Nebel auf der Themse, und meine Gemütsruhe von eben war einem deutlichen Gegenteil gewichen - umgekehrt wie bei dem Jungmann, der aufgrund meiner Zusage ganz offenbar wieder vertrauensvoll in die Zukunft blickte.
Vorbereitend kramte ich mir, weil die Sache ganz gewiß auch eilig war, die dazu nötigen Utensilien hervor, voran die "Anleitung zur Gesundheitspflege auf Kauffahrteischiffen".
Was darin stand, dem hatte ich während der Schulzeit wenig Beachtung geschenkt. Es komplizierte die Sache enorm und weckte in mir den Wunsch, den Mann doch einfach zum Arzt zu schicken, zumal die Behandlung dieses Leidens einem solchen vorbehalten ist. Dann darf sich ein Schmalspurdoktor wie ich auch nur bei festumrissenen Tatbeständen und dann auch nur durch Entscheidung des Kapitäns damit befassen. Die Behandlung ist also nur - wie es in dem Buch hieß - aus dem Gesichtspunkt eines "übergesetzlichen Notstandes" heraus gerechtfertigt.