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EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM

Kompensieren mit Vorschlaghammer und Zollstock

von Hans-Ullrich Lehnert


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1979 fuhr ich auf dem MS G. WEERTH ex PADUA, bitte nicht verwechseln mit den ehemaligen Segelschif PADUA, welches schon Hans Albers in dem Film 'Die große Freiheit' besungen hatte. Das MS PADUA lief 1967 vom Stapel und gehörte zur Flotte des Hamburger Reeders F. Laeisz.

Als Neuling in der Seefahrt musterte in Rostock ein Funkassi an, dem ich bei einer Geburtstagsfeier zu Hause die Seefahrt schmackhaft gemacht hatte. Obwohl schon verheiratet und Vater von einem kleinen Kind, gelang es ihm, seine Frau von der Wichtigkeit der Seefahrt und der großen weiten Welt zu überzeugen. Nicht umsonst lautete der Wahlspruch der alten Griechen.' Navigare necesse est, vivere non est necesse.' auf Deutsch: 'Seefahrt tut not, Leben tut nicht not!'. Traditionell wird der Stapellauf eines Schiffes von diesem Spruch begleitet.

Jedenfalls musterte der Neuling in der Seefahrt bei uns an. Als Reiseorder erhielten wir das Ziel Buenos Aires und danach 'for order'. Nach wenigen Tagen waren wir auf der Höhe der Straße von Gibraltar. Ich saß Achterkante Aufbauten auf dem Bootsdeck mit einem Buch aus der langweiligen DSR-Bücherkiste. Zwischendurch ließ ich einen Blick über das Meer gleiten. AN Bb-Seite kam uns noch weit entfernt ein größeres Schiff entgegen. Der junge Funkassi hatte gerade wachfrei und suchte einen Gesprächspartner. Es kamen noch andere Kollegen dazu. Jeder brachte mehrere Bier mit, ich selbst hatte auch eine Pütz mit Bier bei gehabt. Die anderen Kollegen, alles Maschinenpersonal, hatte den Entgegenkommer auch geschtet und versuchten den Schiffstyp und eventuell die Nationalität zu erkunden. Das Schiff war relativ groß und schien voll abgeladen zu sein, denn der Freibord war sehr gering. Am Schornstein konnte man ein großes gelbes BP auf grünem Feld erkennen. Alles klar, ein britischer Tanker. Mir juckte das Fell, wir hatten ja einen Neuling in der Runde, und ich meinte, dass ich auf diesem Tankschiff gern fahren möchte. Prompt kam die Frage nach dem Warum. Naja, ein Tanker mit BP, also Bayrisch Pils, das wäre doch einfach Klasse.

Der Funkassi war so naiv, dass er uns das abnahm und somit begann der Übermut. Alle fingen sofort an aus ihrer Erfahrungskiste die transportierten Ladungen und wie bescheiden die so manchmal waren, zu berichten. Der eine hatte Froschleder transportiert, ein anderer hatte Moskitofelle geladen. Die mussten auch noch durch die Matrosen talliert werden.

Unser Funkassi war beeindruckt, was so alles über die Meere verschifft wurde. In wenigen Tagen sollten wir über den Äquator fahren. Von der gespannten Kette am Äquator brauchten wir nicht erzählen, denn das glaubte unser Assi nicht. Aber wir hatten ohne Absprache ein anderes technisches Thema auf Lager. Es muss noch gesagt werden, unser Funkassi hatte einen Hochschulabschluss in Hochfrequenztechnik, er war also auf seinem Gebiet sehr intelligent.

Es wurde jedenfalls darüber philosophiert, wer bei der Äquatorquerung als Ing Wache hatte. Prompt kam die Frage nach dem Warum. Sofort wurde dem Jungen Funkassi erklärt, dass immer nch der Überquerung der Linie die Regler im Maschinenbereich anfangen verrückt zu spielen und daher für den Waching. eine unruhige Nacht zu erwarten sei. Für uns logisch, aber für unseren Neuling unverständlich. 'Du musst doch in der Schule einmal gelernt haben, dass auf der südlichen Halbkugel alle Dinge entgegengesetzt ablaufen. Die Jahreszeiten sind denen im Norden entgegen gesetzt. Wir wir Sommer haben, ist dort Winter, oder Frühling ist dort Herbst.'

Einleuchtend, aber noch nicht ganz und der Spaß ging weiter. Der Ablaufstrudel in den Tanks verläuft somit auch entgegen gesetzt dem auf der Nordhalbkuge und das bringt die Regler durcheinander. Die Erklärung war angekommen und im Hirn des Hochschulingenieurs arbeitete das logische Denken. 'So ein Scheiß, da fliegen die zum Mond, aber die Probleme auf der Erde kriegen die nicht in den Griff!'. Klasse, die Verarsche war angekommen.

Am nächsten Tag sprach sich der Chiefmate mit dem Funker heimlich ab, dass sein Assi veralbert werden soll. Der Funker meinte aber, das klappt nicht, da ist der zu intelligent.

Nach dem Frühstück trafen sich der Chiefmate, der Funkassi, der Bootsmann und ich auf dem Peildeck. Dem Funkassi wurde eine kleine lederne Targetasche um den Hals gehängt. Darin befanden sich ein Gasprüfgerät von den Draegerwerken, dort wo eigentlich das Prüfröhrchen rein gehört war der Kopfhörer vom Funkpeiler eingestöpselt. Der Chiefmate hatte einen Zollstock in der Hand und ich war Schriftführer mit einer Kladde.

Es wurde der Zweck der erforderlichen Überprüfung und die Vorgehensweise erklärt. Der Zollstock wurde nach allen vier Richtungen an den Magnetkompass angelegt, um die elektromagnetischen Felder und ihre Abweichungen zu erfassen und diese mit älteren Messprotokollen abzugleichen. Natürlich alles mit dem gebotenen Ernst im Gesicht. Wir begannen mit der Ausrichtung nach Steuerbord. Mit dem Gasprüfgerät wurde die Abweichug gemessen. Bei einem Abstand nach Steuerbord von 57 cm auf dem Zollstock knackte es im Kopfhörer, notiert.

Selbe Messreihe von Backbord, nach voraus und nach achtern. Der Magnetkompass schien in Ordnung zu sein, denn die Werte waren noch deckungsgleich. Nächste Messstation war auf der Back. Alle wanderten knapp 100 m von vorn. Der Zollstock wurde in die Rundung des vorderen Schanzkleides angelegt, Abstandmessen, Wert dokumentieren. Jetzt fehle noch der achtere Wert. Also alles nach achtern. An der Mittelklüse wurde wieder gemessen und nochmals gemessen. Hier ergab sich eine Messabweichung. Diese musste korrigiert werden.

15-kg-Hammer
15-kg-Hammer
(Bild: BotMultichillT, US Navy) Großbild klick!
Der Bootsmann holte aus der Deckswerkstatt den größten Moker, den wir an Bord hatten, 15 kg schwer. Ein Matrose brachte noch eine alte Messlatte an, die mit einem Tampen am Auge für den Kettenstopper am Poller für die Achterleine befestigt wurde. Der Funkassi musste nun mit dem großen Moker mit voller Kraft die Messwerte durch Schläge auf den Poller richten. Unser Funkassi runzelte schon sleptisch die Stirn. Aber er wurde unter Druck gesetzt, indem die klare Ansage kam, noch einmal mit aller Kraft.

Nachdem der Poller gerichtet war und der Obersteward mit dem Fotoapparat angerannt kam, war der Spaß gelungen. Unser Funkassi gab für den gelungenen Spaß eine Kiste Bier aus. Jahre später hatten wir uns bei einem Seemannstreffen in Halle getroffen und wir konnten darüber immer noch lachen.