EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM

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Von Dieter LOIBNER / Yacht Revue /3/98




Die allgegenwärtige Medien- und Unterhaltungsindustrie kümmert sich in rührender Weise um unser langweiliges Leben und bereichert es durch glamouröse Sensationen. Stars aus Film, Funk und Fernsehen, Sportskanonen auf der schrägen Bahn und Politiker mit Profilierungsneurosen bekommen zusätzlich Konkurrenz vom Internet, dem Fenster zur digitalen Phantasiewelt, in der bekanntlich alles möglich ist, ist man nur gewillt, es sich vorzustellen.

Voyeur beim Whitbread? Cybersex? Alles alte Hüte. Das hippste Ding im ausgehenden zweiten Millennium ist Segeln per Mausklick. Und zwar am Ozean, nicht etwa auf der Festplatte und am Bildschirm. Steuern ohne Hand an der Pinne, reffen ohne einen Finger zu rühren, halsen ohne zu ducken, dichtnehmen ohne anzureißen. Was schräg klingt, ist ein ambitioniertes Projekt der Fachhochschule Furtwangen im Schwarzwald mit dem Decknamen RelationShip, demzufolge ein 11,30 m langer Trimaran, eine modifizierte Echo Class des U.S.-Designers Dick Newick, unbemannt in mehreren Etappen um den Erdball segeln soll.

Kommandobrücke ist das Computerzentrum der Hochschule, von wo das Schiff per Internet, Inmarsat und drei Bordrechnern überwacht wird. Deren Befehle werden von den Gebrüdern Hydraulik & Mechanik ausgeführt, die an Bord billiges Muskelschmalz ersetzen.

Das Vorhaben hat Tausende von If-Schleifen, ist letztlich aber nichts anderes als Segeln per softwaregestützter Selbststeuerung, wobei die Daten von zahlreichen Sensoren stammen. Strom kommt aus der Batterie und von den Solarzellen, mit denen das Deck gepflastert ist. Was ein wenig nach Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel klingt, ist durch GPS und andere Luxusartikel, wie Stromwinschen, Autopilot und Wetterdaten aus dem All, in greifbarer Nähe.

Dem gestandenen Segelfreund, dem Nässe von unten nichts ausmacht, der Schwielen, Sonnenbrand und Kreuzschmerzen mit Stolz und Würde in Kauf nimmt, stößt die sterile Version der wichtigsten Nebensache der Welt auf. Zu Unrecht, wie ich meine, denn beim zweiten Hinsehen erkennt man – ähnlich dem Modellbau von Segelbooten – viel Spielraum für zukunftsweisende Technologien und Materialien. Dementsprechend sollten die Freunde des Computersegelns wenig Schwierigkeiten haben, die Industrie um Materialspenden zu bitten.

Des Pudels Kern liegt jedoch in der schnellen und permanenten Datenleitung zwischen Kontrollrechnern und Schiff. Bandbreite ist alles und dementsprechend teuer, denn RelationShip schickt Bilddaten von drei Überwachungskameras an die schwäbische Bodenstelle zurück, die dadurch weiß, was gespielt wird. Daß die federführenden Professoren Reiner Schmid und Rolf Katzsch die technische Seite im Griff haben, ist durchaus einsichtig und wird von Außenstehenden bestätigt. Klar scheint auch der pressewirksame Leitsatz, der das Projekt als Herausforderung bezeichnet, „neue Maßstäbe bei internationaler Zusammenarbeit, technischen Leistungen und persönlichem Erfahrungsaustausch zu setzen.“ Ohne Rauch, kein Feuer, ohne Publicity kein Gewinn. Die Hochschule Furtwangen hat es jedenfalls in die Schlagzeilen geschafft.

Ein wenig schwieriger scheint es, den internationalen Behörden weiszumachen, daß ein unbemanntes Schiff kein schwimmendes Hindernis ist. Menschliche Hilfe wird zum Ein- und Auslaufen auf RelationShip geduldet, aber nur innerhalb der Zwölf- Meilen-Zone. Die Möglichkeit von Kollisionen auf hoher See – ohne aktives Radar, auf das wegen Energieknappheit verzichtet werden muß – wird im Projektplan nicht befriedigend diskutiert. Mit Radarreflektor und -sensor allein wird RelationShip schon einiges Glück brauchen, um Supertankern auszuweichen, die im Blindflug bei Nacht, Regen und Sturm ungerührt 20 Knoten machen, ohne daß deren Radar einen 33-Fuß-Trimaran in schwerem Seegang wahrnimmt. Gestandene Blauwassersegler wüßten außerdem von Piraten zu erzählen, die einen mit Elektronik vollgestopften, unbemannten Trimaran als Geschenk des Himmels ansehen. Selbst wenn sie mit der Technik nichts anfangen können – Computerinnereien werfen immer was ab.

Allen Unkenrufen zum Trotz sollten gestandene Seebären den Initiatoren und Mitarbeitern Anerkennung zollen für die Courage, diese Sache loszutreten. Sponsoren, so hört man, werden Daumendrückern bedingungslos vorgezogen. Daß gemeinsames Lernen ein Objekt, Identifikation und emotionale Bindung braucht, wie aus einer Erklärung des Projektteams verlautet, ist unbestreitbar. Doch man stelle sich vor, wie hoch die emotionale Bindung wäre, gingen Lehrer und Studenten miteinander ein paar Tage mit analogem Sportgerät segeln und hinterher zu einem low-tech Wirten, der hopfen- und malzige Saftware direkt an den Endkunden vertreibt. In diese Kerbe schlägt auch der Designer Dick Newick. Er meinte, daß dem Projekt Leute vorstünden, die sehr imposante Titel hätten und jetzt beweisen wollen, daß ihre Ideen in der rauhen Wirklichkeit der Ozeane bestehen können.

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