EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM
YACHTREVUE - OKTOBER 1998
10. ROLEX SWAN WORLD CUP





Mit ungleichen Waffen
Russel gegen Robert oder von Podersdorf nach Porto Cervo
Luis Gazzari über die zehnte Auflage der elitärsten Segelregatta der Welt

Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt! So oder so ähnlich muß der Niederländer Hans Eekhof nach seinem zweiten Platz beim Rolex Swan World Cup vor zwei Jahren wohl gedacht haben. Damals hatte er mit seiner formidablen Swan 60 R Innovision V um lächerliche 1,75 Punkte den Sieg verfehlt, diesmal stellte er die Weichen mit dem Engagement von Russel Coutts auf Sieg. Der neuseeländische America’s-Cup-Winner und Match-Racing-Superstar verließ sich jedoch nicht nur auf sein geniales Händchen, sondern holte außerdem seinen Taktiker Murray Jones an Bord, der wiederum auf Andrew Taylor, Spitzname Raw Meat, am Coffeegrinder bestand. Wenn die wörtliche Übersetzung „Rohes Fleisch" noch nicht Hinweis genug ist: Mit Meaty am Grinder ist die Genua schneller dicht als auf irgendeiner Yacht auf dieser Welt …

Eekhof hatte diesmal aufs richtige Pferd gesetzt. In einem Feld, in dem es vor prominenten Namen nur so strotzte, blieb Coutts der beständigste. Ohne einen Sieg in einer der fünf Wettfahrten holte er für Eekhof den zehnten Swan World Cup der Geschichte. Der erfolgsgewohnte Italiener Loris Vaccari, der mit Tommaso Chieffi ebenfalls einen America’s-Cup-Steuermann am Rad drehen ließ, mußte sich mit seiner älteren, aber topausgerüsteten Swan 46 um vier Punkte geschlagen geben. Vaccari darf nicht unzufrieden sein: Seine Eurosia holte beim alle zwei Jahre ausgetragenen Swan World Cup seit 1986 drei Siege und drei zweite Plätze, eine wahrhaft imposante Serie.

Auf den Plätzen folgen erstaunlich große Modelle, obwohl die Windstärken diesmal eher mäßig blieben. Nur in der fünften und letzten Wettfahrt zeigte der Mistral mit bis zu 30 Knoten wieder einmal seine Zähne. Bei diesen Bedingungen war die große Swan 65 von Richard Loftus in ihrem Element und gewann überlegen, ansonsten rangierte sie unter ferner segelten.

Ganz eng ging es auf den Plätzen 3 bis 6 zu, die am Ende nur vier Punkte trennten. Dritte wurde die von Hugh Welbourn gesteuerte Swan 56 Racing (tiefer Kiel, höheres Rigg) Noonmark VI des Briten Geoffrey Mulcahy, die erst kürzlich vom Stapel gelaufen ist und schon bemerkenswerte Erfolge erzielt hat. Auf Platz vier brachte Dee Smith die Swan 68 von Tim Kinsbergen. North-Präsident Tom Whidden fungierte als Taktiker auf einer italienischen Swan 56 (5.); Eddie Warden-Owen tat das gleiche auf der britischen Swan 60 Highland Fling von Irvine Ladlow (6.).

Im Feld der 81 Yachten von 39 bis 68 Fuß (aus 15 Nationen) finden sich noch viele weitere bekannte Namen wie Jens Christensen, Jo Richards, Bouwe Bekking, Ib Andersen, Tiziano Nava oder Robert Rauhofer.

Rauhofer kennen Sie nicht? Robert Rauhofer ist Wiener, segelt manchmal im Yachtclub Podersdorf und seit einiger Zeit auf seiner Swan 53 Kyria. Nicht irgendein Schiff: Unter dem Namen Chacaboo gehörte die 1988 gebaute Yacht dem Schweizer Egli, der damit beim Swan World Cup 1988 dritter, 1990 zweiter und 1992 vierter wurde. Rauhofer durfte allerdings nicht wie Egli auf Leute wie Mauro Pelaschier oder Lowell North vertrauen, sondern steuerte selbst. Seine Selbsteinschätzung hielt er schriftlich in einer Nachbetrachtung fest: Nicht gerade der Ruhepol, glaubte immer, seinen Job ganz gut zu beherrschen, kurbelt aber im Vergleich zu einigen Könnern wie ein Geistesgestörter am Steuerrad. Rauhofer und sein Bruder Lukas scharten 13 großteils regattaunerfahrene Männer um sich, von denen lediglich fünf oder sechs überhaupt Meer-Erfahrung haben, und fuhren an die Costa Smeralda. Die Unerfahrenheit schlug sich schon bei der Meldung in einem ungünstigen Rating nieder, weil man wahrheitsgemäß angab, daß die gesamte Crew nicht an Bord schlafe. Das Nautor-Vermessungssystem schlußfolgert daraus, daß es sich um eine ziemlich nackte Rennversion handeln muß, was das Rating erhöht. Außerdem sind die Segel der Kyria natürlich nicht mehr die neuesten, wenn auch einst absolute Spitzenklasse. Die Spitzenteams verwenden heutzutage großteils 3DL-Segel, die unmittelbar nach der Regatta schon wieder verkauft werden …

Die Voraussetzung, Eglis Resultate zu wiederholen, standen also nicht besonders gut, dennoch war man anfangs über Plätze jenseits 60 ziemlich enttäuscht. Doch einerseits lernte man im Laufe der Woche gewaltig dazu und achtete genau darauf, was sich auf den anderen Booten abspielte. Dazu hatte man beispielsweise Gelegenheit, wenn die von den Topseglern pilotierten 46er oder 48er bei 30 Knoten Mistral unter Spinnaker vorbeirauschten und die Crews überhaupt nicht aufgeregt wirkten, geschweige denn die Steuerleute. Wenn eine 33-Knoten-Böe einfiel, fierte man auf diesen Yachten halt ein bisserl, fiel ein wenig ab, und weiter ging’s.

Rauhofer ortete bei seinem Team Trimmprobleme, taktische Schwächen an der Kreuz und bei Leichtwind, insgesamt zeigt man sich jedoch sehr zufrieden, weil die Fortschritte unverkennbar seien. Die Performance bei Starkwind und in Manövern kann sich bereits sehen lassen, und am Ende akzeptierte man den 64. Gesamtrang durchaus. Und überhaupt: Das lockere Rundherum einer gar nicht so gespreizten Jet-Set-Welt (wie erwartet), der liebenswürdige Aga Khan und der sympathische Commodore des Clubs, die bildschönen Sekretärinnen und der Superpool am Dach des Clubhauses, die wunderschöne Granitküste, das alles war so vü schee und goa net teia. Na gut, alles ist relativ, jedenfalls gelang problemlos der Sprung vom Yachtclub Podersdorf zum YC Costa Smeralda, und im Jahre 2000 wird man deshalb mit Sicherheit wieder vor Ort sein. Robert Rauhofer hat jedoch zielsicher erkannt, daß ein paar erfahrene Regattasegler die Crew durchaus beleben könnten, weshalb er jetzt junge engagierte Leute sucht, die ihr Wissen beisteuern. Auf einer Swan 53 könnte das ja ganz nett sein, oder?

10. Rolex Swan World Cup

Porto Cervo, 81 Teilnehmer aus 15 Nationen, 14 verschiedene Nautor-Modelle, 5 Wettfahrten

1. Innovision V, NED, Swan 60 R, H. Eekhof/Russel Coutts (13,0); 2. Eurosia, ITA, Swan 46, L. Vaccari/Tommaso Chieffi (17,0); 3. Noonmark VI, GBR, Swan 56, G. Mulcahy/H. Welbourn; 64. Kyria, Swan 53, AUT, Robert Rauhofer (239,0)

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