EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM

Der erste Segler vom Chiemsee




Aus einer alten Chronik:

Die Eingeborenen freilich bedienten sich bisher in ihren Einbäumen nur der Ruder und kannten die Wohlthat der Segel nicht. Aber in diesem Jahre empfingen sie die fruchtbarsten Offenbarungen aus einer höheren Nautik.
Ein alter Fischer wurde für die neue Idee gewonnen und stellte in seinem Nachen einen roten Mastbaum auf, der früher eine Fahnenstange gewesen und als Rahe befestigte er eine schöne Leisthe daran, an welcher zu Klosterszeithen die Meßgewänder gehangen hatten. Dann nahm er ein altes Tischtuch und machte ein Segel daraus, dessen Enden er mit Bindfaden seemännisch zu richten lernte. Oben am Mast endlich steckte er die weiß und blaue Flagge aus.

So lag die fertige Schaluppe zwei Tage lang vor seinem Haus vor Anker; denn es war eine sonnige Windstille eingetreten, und den lauten Vorurtheilen der ruderliebenden Insulaner gegenüber war es wünschenswerth, daß das erste Wagnis günstig ausfiele. Während dieser beiden Tage hatten indes die Herren viel zu kämpfen mit der üblen Stimmung, die der besegelte Nachen aufgeregt. Die Fischer hießen sie Visionäre, und in ihren Hütten gab es großes Gelächter über den alten, neuerungssüchtigen Handwerksgenossen.

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Am dritten Tag aber erhob sich ein stattlicher Westwind, und als sofort die seekundigen Recken in der alten Eiche mit dem geweihten Takelwerk unter dem pfeifenden Zephyr über die hohen Wogen dahin brausten, so schnell, daß sie in anderthalb Stunden vor Grabenstätt einliefen, wohin die anderen dritthalb brauchten, da fanden sie bei ihrer Rückkehr die öffentliche Meinung auf dem Eilande ganz verändert.
Das höhnische Lächeln war in ein fröhliches Erstaunen übergegangen, und die neue Kunst scheint für alle Zeiten gesichert. Der alte Fischer, der dies Abentheuer bestanden, erklärte, das habe er sich nie träumen lassen, daß er in seinem sechzigsten Jahre über den Chiemsee noch mit Segeln fahren würde wie auf dem Meere, und die wichtige Begebenheit wurde in der Chronik niedergelegt.

Hier schließt die Geschichte. Seit diesem Jahr nahm das Segeln am Chiemsee seinen Anfang. Zunächst nahmen Fischer diese Anregung auf und bauten vereinzelt Riggs auf ihre Kähne. Nach und nach setzte sich das Segeln durch und nach einiger Zeit tauchten die ersten Segler, hauptsächlich wohlbetuchte Münchner Bürger am Chiemsee auf.

Quelle: Morgenblatt für gebildete Leser, fünfunddreißigster Jahrgang, 11. Oktober 1841, Stuttgart und Tübingen, im Verlage der J. G. Cotta´schen Buchhandlung