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Der Törn "Rund um Rügen und Bornholm
einmal hin und zurück

gesehen von der Frau an Bord, Törnbericht von Gisela Gominski

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Freitag, 28.8.

Die Mannschaft bestehend aus fünf Männern und einer Frau trifft sich gegen 20 Uhr in Erlangen. Auf gehtís über die A73 Richtung Bamberg nach Bayreuth bei normalem Verkehr und langsam einsetzender Dämmerung. Im GL- Wagen wird Konversation gemacht, verbal ausgelotet und vorgefühlt. Erste Raststätte Frankenwald. Für "Damen" kostet es 50 Pfg um per Automat die Tür zu öffnen, eine Art von modernem Raubrittertum.

Nach dem WC-Besuch, dem Füße vertreten, Schlücken aus den Thermoskannen und Fahrerwechsel geht es zügig weiter. Die Baustellen nehmen zu, es fängt an zu nieseln. Der Verkehr bleibt aber flüssig, selbst um Berlin herum, so daß wir sogar eine lange Tee/ Kaffeepause in einem Autobahnrestaurant einlegen, um nicht zu frühzeitig auf Rügen einzutreffen. Johannes und Bernhard bewachen die Autos "wie im Schlaf". Stellenweise zeigt sich ein klarer Sternenhimmel.

Samstag, 29.8

Nach Rostock sorgt die Seeluft für Aufmunterung. Ribnitz liegt noch im Schlaf. Auf dem Weg nach Stralsund kommen uns Frühaufsteher entgegen und als wir Bergen, den Hauptort der Insel, erreichen, brauchen wir nicht mehr lange zu warten, bis uns um 7 Uhr ein Frühstück im Marktcafé serviert wird. An den Marktständen mit Obst, Gemüse, Fisch, Blumen und allem was sonst noch dazu gehört, werden die ersten Kunden bedient. Uns verlocken Trauben und Pflaumen. Der restliche Proviant wird im realmarkt gekauft. Wir sind für die Woche an Bord gerüstet.

In dem ehemaligen Fischerdorf Schaprode sehen wir beim Charterer bald, welches Schiff uns zugeteilt ist. Doch unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt.Die Dehler 37 mit Namen Seahorse wird noch gereinigt und ausgebessert. So haben wir Gelegenheit uns den Ort und den regen Ausflugsverkehr nach der gegenüberliegenden Insel Hiddensee anzusehen. Ganze Busladungen von Urlaubern gehen an Bord der Fährboote. Fast jeder Garten ist als Autoparkfläche umfunktioniert und bringt so dem Besitzer ein zusätzliches Einkommen. Gegen 15 Uhr ist es dann soweit, der Skipper und sein Co gehen an Bord zur Übernahme und als diese endlich beendet ist, darf auch die Crew den schwankenden Boden betreten. Nach Aufteilung der Kojen wird das Gepäck an Bord geholt und verstaut, die zweckmäßige Verteilung lernt man erst im Laufe der Woche- oder auch nicht.

Der Proviant ist bald untergebracht, ein ganzes Fach wird mit Süßigkeiten vollgestopft. Der Kühlschrank ist defekt, kühl gibtís nicht, nur Schrank. Doch wir sind alle zufrieden- die Neulinge erfreut, daß es nicht ganz so eng ist wie nach den Erzählungen vorgestellt. Die Erfahrenen loben die zweckmäßige Einrichtung und Ausstattung. Der GPS Navigator wird mit Skepsis betrachtet, die aber bei Benutzung langsam schwindet. Schwimmwesten und lifebelts werden verteilt, jeder hat auf sein Zeug zu achten. Die erste von vielen gemütlichen Tee/Kaffeerunden wird eingeläutet.

Das Abendessen lassen wir uns allerdings in der Campinggaststätte "Strandgut" servieren. Unter anderem gibt es gebratene Scholle, Hecht gebraten oder in Kräutersoße gedünstet, gebratene grüne Heringe mit Bratkartoffeln. Harald traut dem Fisch noch nicht- er hält sich an Bekanntes.

Wir dehnen den Abend nicht lange aus, haben Schlaf nachzuholen und müssen uns außerdem erst mit den Schiffsbewegungen und Geräuschen vertraut machen. Die WC-Bedienung mit den verschieden Ventilen ist gewöhnungsbedürftig. Es schlingert, schaukelt, ruckt in den Festmacherleinen und schwankt. Gisela hat die ersten Schwindelgefühle im Magen, es hilft, wenn sie feste Punkte an Land fixiert und so die Schwingungen sehen kann. Die Männer spüren -noch- nichts. Die sanitären Einrichtungen beim Charterer sind schnell zu erreichen und sehr sauber und modern, zumindest bei den Damen. Die ganze Nacht über brennt eine Lampe. Die erste Nacht vergeht schnell.

Sonntag, 30.8

Am Sonntagmorgen ist das Frühstück zügig gemeinsam zubereitet. In der Klappkiste steht alles bereit: die jeweiligen Müslisorten, Marmeladen - Blaubeeren erinnern an den Dechsendorfer Wald - Käse, Wurst, Schinken in Portionen eingeschweißt, der runde Brotlaib, Knäckebrot, Eier. Das Angebot ist üppig, Seeluft macht Appetit.

Während wir für einen Tag auf See vorsorgen quäkt das Funkgerät bis auf einmal eine klare Stimme erklingt:" Pan-pan, pan-pan, pan-pan, SS Maryann to all ships..We have a man over bord." Angabe der Koordinaten zögernd und mit Verbesserungen." We ask all ships in that region to have a sharp lookout". Cap Arkona meldet sich, weist auf einen anderen Kanal hin. Wir schalten natürlich sofort auf diesen Kanal und erfahren, daß nachts ein Mann über Bord gegangen ist, im Sektor vor Cap Arkona, da wo wir am selben Tag noch hin wollen. Gegen 3 Uhr soll es passiert sein. Es wird nachgerechnet, 5 Stunden im kalten Wasser "das hält keiner aus". Wie sich später herausstellt, hat er es ohne Schwimmweste und isolierende Kleidung noch länger lebend ausgehalten. Doch in dem Moment wird wohl jedem von uns bewußt, wie schnell aus dem Spaß tödlicher Ernst werden kann. Schwimmwesten und lifebelts betrachten. wir ab jetzt weniger abschätzig.

Gemeinsam wird ab- und aufgeräumt, das Schiff und die Crew für die Fahrt vorbereitet. Gashahn und Ventile schließen, Luken dicht, Ofen aushängen, Ventile am WC umschalten, Ölzeug und Schwimmwesten überziehen, den Karabinerhaken der lifebelts einhaken. Dann folgt das erste Ablegemanöver mit Befehlen, die nicht sofort umgesetzt werden können, weil erst nachgefragt wird ...

" Was heißt....., wie macht man ,was ist ein......?" Die Segelscheinprüfung scheint Jahre zurückzuliegen, theoretisch hat man die Begriffe mal beherrscht, doch praktisch lernt man/frau wieder neu. Wir fahren unter Motor aus dem Hafen in dem betonntem Fahrwasser bis der Skipper sagt. " So, Gisela , nimm du mal das Ruder."

Okay, sie versucht hinter dem großen Rad stabilen Halt zu finden, sich nicht am Ruder selbst festzuhalten, die Bewegungen der Seahorse auszugleichen und zu steuern. Ein Kreis um die Boje, ein mißlungener Aufschießer, ein zweiter, dann ist Harald an der Reihe. Ebenfalls ein Kreis um die Boje und dann geht es unter Segel bei NW-lichem Wind an dem Leuchtfeuer Dornbusch und Dranske vorbei Richtung Kap Arkona.Wir wechseln am Ruder ab, jeder kommt an die Reihe.

Harald muß eine Extraprüfung bestehen: Mann/Boje über Bord. Der Mann/die Boje wird geborgen! Wir passieren den nördlichsten Punkt von Rügen und der nun raume Wind steht so günstig, daß der Blister gesetzt werden kann. Mit einem satten Schlagen bläht er sich auf, der Zug wird gewaltig, die Seahorse stampft durch die Wellen.

Die berühmten Felsen der Stubbenkammer präsentieren sich nicht ganz so weiß, wie auf den Bildern von Caspar David Friedrich. Die Sonne versteckt sich hinter Wolken, vielleicht ist das der Grund, weshalb die Felsen grau erscheinen. Der Hafen von Sassnitz wird am Nachmittag erreicht. Johannes fährt als erster ein, er sitzt am Bug und achtet auf Querschießer. Das Anlegemanöver im neuen Yachthafen klappt ohne Schwierigkeiten, so langsam sitzen die Handgriffe. Hubertus geht auskundschaften, die "Örtlichkeiten" sind mit einem Zahlencode zugänglich.

Während Bernhard das Abendessen zubereitet und ihm Johannes Gesellschaft leistet, sehen sich die vier anderen den Ort an. Es tut gut zu laufen, selbst wenn man erst einmal einen steilen Weg nach oben nehmen muß. Sassnitz war der wichtigste Fischerei- und Fährhafen auf Rügen. Die Rolle des Fährhafens hat inzwischen das nahegelegene Mukran übernommen. Sassnitz lebt jetzt vom Tourismus. Im Hafen bieten Ausflugboote die seeseitige Besichtigung der Stubbenitz oder Butterfahrten nach Polen an. In der Hauptstraße stehen verfallende Häuser neben neuen Hotelbauten. PDS Plakate werben an jedem Laternenpfahl. Kleine Andenkengeschäfte, leicht angestaubte Elektroverkaufsstellen, das typische Bild der neuen Länder. Das Essen, Spaghetti mit Hackfleischsoße, tut gut. Wie hat er nur das Hackfleisch frisch halten können? "Einmachglas" ist die geniale Idee. Es wird Bilanz gezogen und beratschlagt. Der erste Tag verlief so zufriedenstellend, daß man bei dem ursprünglichen Plan der Nachtfahrt nach Bornholm bleiben will. Die Abfahrt wird auf 20 Uhr festgelegt.

Wir segeln vor dem Wind. Die Crew ist in zwei Wachen eingeteilt, die jeweils drei Stunden übernehmen. Es ist anfangs noch nicht dunkel, viele Lichter begleiten unseren Weg, im Rücken blinken Leuchtfeuer. Die Seahorse reitet, kämpft sich durch die Wellen. Einmal scheint der Wind nachzulassen, doch G. ist nicht ganz sicher, ob nicht ihre Segelstellung daran Schuld ist. Tatsächlich dreht sich der Wind im Laufe der Nacht auf Nord. Helmut berechnet und überwacht unseren Kurs wie überhaupt in der ganzen Woche, unterstützt von unserem Jüngsten. Er hat auch die Uhr im Auge um nach 30 Min. den Rudergänger auszuwechseln. Es wird wenig gesprochen, alle Lichter an Bord sind gelöscht, trotzdem ist es so hell, daß Blickkontakt zur Verständigung ausreicht.

Bernhard hat gefragt, ob das schwarze Wasser nicht Angstgefühle hervorruft. Die Aufregung des Neuen läßt keine Angst aufkommen, vielleicht ist es auch das Vertrauen, das wir dem Skipper und seiner Fähigkeit entgegenbringen. Helmuts gelassene Ruhe überträgt sich auf die Mitglieder seiner Wache.

Nach Mitternacht wird gewechselt. Nun stehen Bernhard, Hubertus und Johannes am Ruder. Die drei anderen versuchen möglichst viel Schlaf zu tanken, von Tiefschlaf kann aber keine Rede sein, bis es um drei Uhr weitergeht. Die Fock ist nun gerefft, der Bullenstander hält das Groß. Vereinzelt sind Sterne zu sehen, wir halten auf den hellen Horizont zu. Die Wellen rauschen, am Tag haben sie gerieselt, gezischt, im Hafen gegluckert. Jetzt ist das Geräusch verstärkt. Wir werden sie noch klatschen, schlagen und sich überschlagen hören wenn sie sich auftürmen. Rot-rosa überhauchte Wolken kündigen den Sonnenaufgang an.

Montag, 31. 8.

Gegen 6 Uhr ist Bornholm gut in Sicht und wir beschließen ohne Ablösung weiterzumachen. Unser Kurs läuft jetzt parallel zur Küste, Haralds Begeisterung für jedes Zehntel mehr an Knoten steckt an. Wir müssen ein Sperrgebiet umfahren bevor wir in den Hafen von Roenne einlaufen können. Plötzlich kommt ein Geruch von verbrannten Kartoffeln auf, er wird intensiver und erinnert jetzt eher an die Düfte, die beim Bierbrauen entstehen. Des Rätsels Lösung sind riesige Getreidesilos an den Kaimauern. Um 11 Uhr legen wir seitlich am Kai an. Das Ritual des Wäscheaufhängens beginnt: Das verschwitzte Ölzeug wird umgedreht und aufgehängt, um es im Wind trocknen zu lassen. Nach jeder Fahrt werden wir den Baum und die Wanten so beflaggen. WC und Waschbecken mit warmem Wasser befinden sich gleich gegenüber unserem Liegeplatz.

Nach dem ausgiebigen Frühstück sehen wir uns die Stadt an. Bunte, gedrungene Häuser, hohe Malvenstöcke und andere blühende Pflanzen bieten ein farbenprächtiges Bild. Eine Gruppe blonder Kinder mit dicken Backen und großen Augen wird von den Erzieherinnen für die Straßenüberquerung vorbereitet. Ein dunkelhaariges " Schaf " ist dabei - es gerät auch glatt ins Stolpern weil es sich nach den Fremden umdreht. Batterien für die Kamera, Postkarten für die Daheimgebliebenen werden gekauft. Das Wechselgeld besteht aus Ören, Münzen mit Löchern.

Auf dem Markt löschen wir den Durst und beobachten das rege Geschehen. Ein hoher Prozentsatz von Touristen. Zum Abendessen gibt es grünen Salat - im Waschbecken mit warmem Wasser gewaschen und in der Pütz transportiert - und drei verschiedene Sorten von Räucherfisch, der Spezialität der Insel. Diesmal läßt Harald sich überreden zu probieren. Ein anderes Boot spekuliert auf unseren Platz, um näher an den E-Anschluß zu kommen. Mit eiskaltem Bier lassen wir uns überzeugen. Das, was nicht getrunken wird, kommt in den Kühlschrank - um diesen zu kühlen. Gegen 18 Uhr laufen wir mit leichter Backstagbrise aus.

Diesmal sind die Wachen im 4-Std.-Rhythmus. Anfangs sitzen wir alle in der Plicht, keiner hat Lust sich bei dem Schlingern und rollenden Schaukeln hinzulegen. Starke Bewölkung verringert die Sichtweite. Die Boje, die das Sperrgebiet begrenzt, wird mit Mühe stehengelassen, die Lichter in Roenne werden schnell kleiner und verschwinden ganz. Ein Fährschiff überholt uns und weist noch lange den Weg. Diesmal ist das Kurshalten nur nach Kompaß bzw. Navigator möglich. Bei Windstärke 5-6 und einer ordentlichen Dünung wird es immer schwieriger das Schiff auf Raumwindkurs zu steuern. Auch nachdem die Fock geborgen ist läuft die Seahorse noch 6-7 Knoten.

Es ist eine unruhige Fahrt bis endlich die Feuer von Rügen aufblitzen. Im Laufe der Nacht fallen zwei Besatzungsmitglieder aus:" es muß der Fisch gewesen sein"! Doch auch zu viert gelingt das Anlegemanöver im Sassnitzer Hafen "wunderbar", Möwen auf den Dalben bilden das Begrüßungskommando. Wir sind übermüdet, aber glücklich und zufrieden mit uns. Mit Grappa wird die Fahrt begossen, mit Traubenzucker der revoltierende Magen beruhigt.

Dienstag, 1.9.

Bei den sanitären Anlagen gilt noch derselbe Code. Im Kiosk kann man sich auch für 3 DM warm duschen. Gisela erhält den Rat, die Kabine am Fenster zu wählen. "Dort zählt die Uhr nur, wenn das Wasser läuft". Wie gut der Rat ist, erfährt sie erst später. Das heiße Wasser ist ein Genuß nach zwei Tagen und Nächten in denen wir kaum aus unserer Ölkleidung herausgekommen sind. Im Fischereihafen staunt Bernhard über die Preise: Schollen werden für DM 1,- das Stück verkauft.

Am Nachmittag wollen wir uns im Prorer Wiek Neu Mukran und die NS-Ferienbauten von Prora ansehen. Es fällt das Wort von Kaffeesegeln und so meint Gisela, auf das wasserdichte Zeug verzichten zu können. Über Bord schwappende Wogen und ein Schwerpunkt, der nicht rechtzeitig gehoben wurde, zeigen, dass dies falsch ist. Auch unser Skipper bekommt eine Sturzflut als direkte Antwort ab, als er von "ganz ruhigen Wellen" spricht. Der Wind hat mittlerweile die Stärke 6 erreicht. Bisher wehte er mit 3-4 oder 4-5. Doch es macht immer mehr Spaß, sich von dem Auf-und Ab der Seahorse durchschütteln zu lassen. Die Sonne wärmt, die Kreidefelsen werden ihrem Namen gerecht, an der frischen Luft ist jede Übelkeit vergessen. Die kilometerlangen Gebäudefassaden sind gespenstisch, sie könnten eine perfekte Kulisse für einen Sciencefiction-Film bilden. Bröckelig gewordener Gigantismus. Es ist lange her, daß die KdF Schiffe anlegten. Zu DDR-Zeiten diente ein Teil der Anlage als Offizierschule der NVA. In Binz lassen eine neue Seebrücke und viele moderne Gebäude den touristischen Aufschwung erkennen.

Hoch am Wind kreuzend geht es zurück nach Sassnitz und zum Abendessen sind wir wieder im Hafen. Hubertus kocht: Antipasti, Spiralnudeln, Carbonara. Harald, Road - oder eher Rotrunner nach diesem Sonnentag - hat das passende Brot erspurtet. Ein süßer Nachtisch und der Grappa runden das Essen ab. Mittlerweile hat die Kassette "Palabra de Honor" von Rocio Jurado den Beliebtheitswettstreit vor den Seemannsliedern gewonnen. "La septima ola" schwemmt uns hinweg ,"la paloma blanca" wird zum Ohrwurm. Nach den diversen Telefonaten mit den Daheimgebliebenen robben wir alle bald in die Schlafsäcke in den Kojen.

Mittwoch 2. 8.

Von Sassnitz geht es weiter Richtung Greifswalder Bodden. Welchen Hafen wir anlaufen, wird sich später entscheiden. Hubertus macht den Tagesskipper, unterstützt von Harald. Sie verbringen fast mehr Zeit über den Karten im Salon und den Anzeigen des Navigator als in der frischen Luft. Bei Windstärke 6, -grobe See, die Bildung großer Wellen beginnt; Kämme brechen und hinterlassen größere weiße Schaumflächen; etwas Gischt (Beschreibung in der Beaufort-Skala)- kämpft sich die Seahorse durch die Wellen. Praktische Erfahrung liegt im Wettstreit mit Theorie auf dem Papier.

Die Theoretiker möchten in wenigen langen Schlägen um die Südostspitze der Insel herum, die Praktiker hätten die landnahen Winde genutzt. Schiedsrichter spielt ein "feindliches" Boot. Es kreuzt häufiger, fährt unter Land und gewinnt den imaginären Wettstreit, was unserer guten Laune aber nicht im geringsten schadet. Im Bodden wird es dann ruhiger. Erstaunt stellt Gisela fest, daß richtige Urlaubslaune eingetreten ist. In den ersten Tagen hat man noch an Arbeit/Büro und Zuhause gedacht.

Jetzt kreisen die Überlegungen um pragmatischeres: das Wetter, der Kurs, die Segelstellung, vielleicht noch Hunger und Durst und Schlaf, den nächsten Hafen. " Ist es nicht schön?" wird immer wieder gefragt. Es gibt keinen, der dies nicht mit "JA" beantwortet.

Die Sonne strahlt und wir beschließen, ein Ankermanöver auszuführen, um mal kurz ins Wasser zu springen. Bis wir aber einen geeigneten Platz finden, dauert es eine Weile und dann wird das Wasser selbst für unseren Kimmkieler zu seicht oder felsig, so daß der Plan aufgegeben wird. Mittlerweile haben wir uns für Lauterbach als Hafen entschieden. Die Einfahrt in den Yachthafen ist nicht leicht zu finden. Auch der Hafenmeister ist nicht auszumachen, er hat zwei Anlaufstellen, im alten und im neuen Yachthafen und ist an keiner anzutreffen. Wir liegen im alten Hafen und da Gisela die Verwaltung der Bordkasse zugeteilt wurde, soll sie den Hafenmeister aufsuchen. Hubertus, schon geübt im Auskundschaften neuer Häfen und erfahren im diplomatischen Umgang mit deren Meistern, begleitet sie. Doch siehe oben, sie treffen keinen an. Dafür entdecken sie eine kleine Badebucht und während Hubertus der übrigen Crew Bescheid sagt, kann Gisela in Ruhe schwimmen.

Bernhard , Helmut und Hubertus machen es ihr später nach. Das Wasser ist nicht so kalt wie befürchtet und nicht so klar und tief wie erhofft, doch es regt den Kreislauf belebend an. Zum Glück gibt es Duschen im neuen Yachthafen, der Weg ist allerdings weit. In einem Raum stehen Waschmaschinen und selbst eine schöne alte Wäschemangel, wobei frau aber nicht sicher ist, ob diese nicht nur ein Ausstellungsstück ist. Der Ort selbst macht einen etwas verschlafenen Eindruck. Die Landgänger entdecken eine kleine Werft, die noch den Motorsegler "VILM"baut. Zum Abendessen gibt es Safranreis mit Champignons, Erbsen, Möhren, Thunfisch, Krabben, eingelegte Muscheln und Räucherfisch. Der Nachtisch besteht aus Mürbeteigtörtchen belegt mit Quitten/Apfelmus und Ananasstückchen. Wie immer wurde mit größerem Hunger gerechnet. Die Reste werden dankbar von der jungen Besatzung des Nachbarbootes übernommen. Überhaupt sehen wir in den Häfen bekannte Boote, wir sind nicht die einzigen "rund um Rügen".

Donnerstag, 3.8.

Vor der Ausfahrt an diesem Morgen gibt es eine Manöverbesprechung. Der Wind ist mit Stärke 6-7 angesagt und könnte uns beim Auslaufen in eine ungewünschte Lage treiben, zumal die Anlegebucht ziemlich schmal ist. Jeder weiß jetzt worauf es ankommt und so klappt das Ablegen zur Zufriedenheit unseres Skippers. Wir segeln nur mit der Fock, die See ist grob, Wellen türmen sich auf. Der beim Brechen entstehende weiße Schaum legt sich in Streifen in die Windrichtung. Die Neulinge haben sich aber an die Schräglage der Seahorse gewöhnt. Hubertus schafft es sogar unter diesen Bedingungen belegte Brote für den Hunger zwischendurch zu schmieren. Harzer mit Schmalz ist eine neue Geschmacksrichtung ebenso wie Helmuts Käse mit Marmelade.

Im Strelasund muß genau auf die Tonnen geachtet werden, die Fahrrinne ist nicht breit. Mittlerweile sind wir sämtliche Kurse zum Wind gefahren. Beim Blick auf den Verklicker liegt der Kopf schmerzhaft tief im Nacken. Die Kursangabe und Abweichung des Navigators ist eine echte Hilfe. Ehrgeizige sind stolz auf O-Abweichung. Die "Ziegelgrabenbrücke" in Stralsund ist geschlossen, so daß wir erst im Hafen anlegen und die Stadt besichtigen. Wuchtige hohe Häuser am Hafen zeugen von der früheren Bedeutung der alten Hansestadt, in der Ferdinand von Schill 1809 den Tod fand.

Auch hier wird geschäftig restauriert. Bernhard braucht keinen Stadtplan um sich zurechtzufinden. Wie auf dem Boot richtet er sich einfach nach dem Wind. Wir entschließen uns dann aber doch noch am Abend die Brücke zu passieren, so daß wir am nächsten Tag nicht in Zeitdruck geraten. Gegen 18 Uhr tummeln sich die Schiffe vor der Brücke wie bei einem Regattastart. Zu dumm, dass ein entgegenkommender Frachter zuerst durchgelassen werden muß. Wir fahren nur das kurze Stück nach Dänholm und haben somit alle Nächte auf See oder in Inselhäfen verbracht. Koch ist heute Johannes. Er bietet uns: Sauerkraut mit Äpfeln und Senfmarinade, Rosinencouscous mit Gulasch, danach Schokolade, ein komplettes Menü selbst mit Servietten. Helmut und Hubertus haben Duschmarken für alle gekauft und den Schlüssel für Dusche/WC besorgt. Der Weg zum Häuschen ist lang, doch in der Nacht nicht so beängstigend wie in Lauterbach, wo sich Gisela auf ihrem Weg allein Mut zusprechen mußte.

Freitag, 4.8.

Wie gut der Rat des Kioskbesitzers in Sassnitz gewesen ist, erfährt Gisela jetzt. Sie hat die Münze eingeworfen, sich unter die Dusche gestellt, naß gemacht und dann den Hahn zugedreht, um auch die textile Kleinwäsche einzuseifen. Als sie dann den Hahn zum Abspülen wieder aufmacht, kommt nur noch kaltes Wasser. Die Uhr hat weitergezählt und ist abgelaufen. Zum Glück ist sie allein bei den Damen und kann sich zumindest die Haare im Waschbecken warm abspülen. In allen Duschen gibt es übrigens Putzlappen und Eimer, so daß die nassen Spuren beseitigt werden können. Nach dem Frühstück legen wir zum letzten Mal ab, diesmal ohne Motorkraft. Die Fock und das Groß werden aufgezogen, in letzteres allerdings wird vorsorglich ein Reff gebunden.

Wir umsegeln Hiddensee mit seinem herrlichen Strand. Der südliche Teil ist Vogelschutzgebiet und darf nicht betreten werden. Harald spielt Galionsfigur und läßt sich von den Gischtwellen duschen, der Bug des Schiffes bewegt sich in seiner Achterbahnfahrt jeweils mehr als einen Meter auf und ab. Seine Begeisterung überträgt sich auf die gesamte Crew. Auf der Ostseite von Hiddensee wird die Fahrwasserrinne sehr schmal und verwinkelt, vor der Einfahrt in den Schaproder Hafen sind tückische Untiefen, die Aufmerksamkeit aller ist gefragt. Mit raumen Wind nähern wir uns dem Ausgangpunkt der Reise, der Kreis rund um Rügen hat sich geschlossen. Die Stimmung ist prächtig, wir fragen uns, ob es wie einen Höhenrausch auch einen Seekoller geben kann, so euphorisch sind wir. Die Seahorse wird aufgetankt. Nur 3,4 l Diesel sind verbrannt worden.

Gisela braucht alle Überredungskunst um den Tankwart, der auf seine Mindestabnahmemenge von 10 l hinweist, zu überzeugen, dass sie nur die wirklich abgenommene Menge bezahlt. Wir haben insgesamt 285sm zurückgelegt, davon circa 7 unter Motor. Der Skipper ist zufrieden, die Crew ebenfalls. Den letzten Abend verbringen wir wie den ersten im Fischrestaurant. Diesmal traut Harald dem Braten, pardon Fisch und genießt den Lachs genauso wie wir die anderen Fischsorten. Hubertus kommt mit seiner weltmännischen Art bei der Bedienung schlecht an.

"Na, und was wollen Sie denn jetzt zu trinken?!" Für viele Worte und Erklärungen ist keine Zeit, andere Gäste warten. Doch die Crew verläßt sich auf seine Redegewandtheit als es darum geht, dem Skipper für seine Initiative und Führung zu danken. Leider besitzt Bernhard das Buch, das als Erinnerung für ihn gedacht war, schon. Es wird ein anderer Weg gefunden werden, um ihm unsere Verbundenheit zu zeigen. Auch unser Co-Pilot soll nicht vergessen werden. Auf dem Rückweg zur Seahorse wird viel gelacht, wie schon vorher im Restaurant. Mitunter schleicht sich ein wehmütiger Gedanke an den Abschied mit ein.

Samstag 5.8.

Diesmal ist nach dem gemütlichen Frühstück, 2 Stunden früher als sonst, Großreinemachen angesagt. Das Schiff soll so übergeben werden, daß wir die Reinigungsgebühren sparen. Ein Teil der Crew ist auf, der Rest der Mannschaft unter Deck beschäftigt. Gegen 9 Uhr sind wir soweit. Ein Taucher hat das Boot schon von unten kontrolliert. Alles in Ordnung! Das gilt auch für die Endabnahme. Da Johannes+Gisela noch länger auf Rügen bleiben, um den Hiddenseer Strand von der Landseite aus zu begutachten, geht es jetzt ans Abschiednehmen. Vollbepackt setzt sich der Wagen mit Bernhard, Harald, Helmut und Hubertus in Richtung Erlangen in Bewegung.

P.S.

Auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit wird Johannes+Gisela die Seahorse angeboten. Sie greifen sofort zu und besetzen als kleine Crew das Schiff noch einmal für 24 Stunden.

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