Skandal im Kloster oder:
Warum es auf der Insel spukt

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Angeblich spukt es auf der Fraueninsel am Chiemsee jeden ersten Vollmond im Oktober in der Torhalle. Es ist nicht das, was man normalerweise unter einer Geistererscheinung versteht. Man hört anscheinend nur ein herzzerreißendes Schluchzen und Seufzen.

Aber dazu gibt es eine Vorgeschichte, die aus der Chronik des Klosters nachprüfbar ist: Vor etwa 150 Jahren war an der Schule ein 17-jähriges Mädchen namens Katharina Dallhuber, die aus einer wohlhabenden und sehr angesehenen Salzburger Bürgerfamilie stammte. Sie war das, was man ein schönes Mädchen nennt: Langes, hellblondes Haar, zierlich und ein Gesicht wie eine Madonna. Nicht nur das, sie war auch eine hervorragende Schülerin und sehr religiös; sie wollte nach der Schule im Kloster bleiben und den Schleier nehmen. Zur damaligen Zeit hatten die Benediktinerinnen auf der Krautinsel dort drüben Gärten, die den Bedarf des Klosters an Frischgemüse, Kartoffeln und Salat deckten. Unter Leitung der Schwester Gärtnerin mußten die Zöglinge im Sommer unter anderem auch die anfallenden Gartenarbeiten erledigen: Unkraut jäten, pflanzen und ernten.

Diese Gartenarbeit ist auch heute noch ein Teil der Ausbildung der Mädchen im Internat. An einem Spätnachmittag im April war Katharina allein auf der Krautinsel geblieben, weil sie mit der ihr zugeteilten Arbeit nicht fertiggeworden war. Sie sollte später in einem Kahn zur Fraueninsel nachkommen. Anscheinend war dieser Tag ein typischer Apriltag: Sonne und hin und wieder Regenschauer mit viel Wind. Als die Klosterschülerin mit ihrer Arbeit fast fertig war, wurde der Himmel dunkel und ein Gewittersturm zog über den See. Katharina suchte Schutz in dem Gartenhaus, in dem die Zöglinge ihre Brotzeiten einnahmen und wo auch die Geräte aufbewahrt wurden. Dies alles steht so in den Schulakten und in der Chronik, denn die Ereignisse, die jetzt ihren Anfang nahmen, erforderten später eine peinlich genaue Untersuchung. Das Gewitter entwickelte sich zu einem Schnee- und Hagelsturm und es wurde ziemlich kalt.

Aber noch eine weitere Person suchte Zuflucht auf der Krautinsel: Ein Fischer namens Josef Altinger. Er war damals 27 Jahre alt, verheiratet und wohnte mit seiner jungen Frau und dem zweijährigen Sohn in einem kleinen Häuschen auf der Fraueninsel. Das alles konnte Katharina aber nicht wissen, ja sie kannte den Josef nicht einmal, denn die Klosterschülerinnen wurden so sehr behütet, daß sie mit Außenstehenden praktisch keinen Kontakt hatten. Dieser Josef Altinger geriet also mit seinem Fischerboot auf dem Heimweg von seiner Arbeit in den Gewittersturm und suchte ahnungslos Zuflucht in diesem Schuppen auf der Krautinsel. Er fand die Tür unverschlossen und trat ein. Es läßt sich nur vermuten, daß sich die beiden ziemlich nahekamen. Was in dieser Zeit im Schuppen passiert ist, hat das Mädchen nie erzählt, sooft sie auch danach gefragt wurde. Aus den Personalien der späteren Gerichtsakten ist zu ersehen, daß Altinger schwarze, gelockte Haare hatte, braune Augen, einen respektablen Schnurrbart und groß und schlank war. Er muß also ein fesches Mannsbild gewesen sein, der Josef. Kurz und gut: Katharina verliebte sich mit aller Kraft und Gefühlstiefe, deren ein romantisches siebzehnjähriges Mädchen fähig ist, in diesen Fischer. Er war ihre erste Liebe und ein berüchtigter Schürzenjäger, mit dem seine Frau ihre liebe Not hatte. Das alles wußte Katharina aber nicht. Sie konnte im Kloster schlecht nach ihm fragen und außerdem hatte sie, was Männer betraf, logischerweise keine Vergleichsmöglichkeiten. Wer die Hartnäckigkeit und den Erfindungsreichtum verliebter Frauen kennt, der kann sich denken, daß Katharina eine Möglichkeit fand, ihren Josef trotz der hohen Klostermauern wiederzusehen. Sie trafen sich jeden Dienstag spät nachts in der Torhalle ...

Für sie war das die einzige Möglichkeit und der Josef fand das alles recht amüsant und überaus praktisch: Eine naive, junge Geliebte, die er einmal in der Woche traf, die ansonsten streng isoliert war und ihm daher keine Schwierigkeiten bereiten konnte. Es kam, wie es kommen mußte: Katharina wurde schwanger, in der damaligen Zeit eine Katastrophe schlimmsten Ausmaßes.

Als das Mädchen seinen Zustand nach einigen Monaten nicht mehr verbergen konnte, nahmen die Ereignisse ihren Lauf: Es gab hochnotpeinliche Verhöre, wie es überhaupt dazu kommen konnte, daß eine so wohlbehütete Klosterschülerin geschwängert werden konnte. Dann die Frage nach dem Vater. Zunächst jedoch deckte die verliebte Schülerin ihren Josef. Romantisch, wie sie war, rechnete sie fest damit, daß er sie heiraten würde.

Katharinas Eltern reagierten auf die Nachricht, indem sie das Mädchen verstießen. Jetzt hatte das Kloster den Schwarzen Peter in der Hand.
Aber noch etwas passierte und das war weitaus schlimmer für Katharina: Anscheinend war dem Josef die Angelegenheit zu heiß geworden und er kam nicht mehr zum Torbogen. Als Katharina das nach vier Dienstagen vergeblichen nächtlichen Wartens endlich begriffen hatte, handelte sie so, wie verschmähte Frauen das des öfteren zu tun pflegen: Sie rächte sich, indem sie ihn verriet. Bei dieser Gelegenheit mußte sie auch erfahren haben, daß Altinger verheiratet war und einen Sohn hatte. Jetzt brach für Katharina alles zusammen: Ihre Liebe zu Josef, auf den sie im Geheimen immer noch gehofft hatte und ihr Vertrauen in die Menschen. Am nächsten Tag schrieb sie einen herzzerreißenden Brief an Josef, wartete nochmals einen Dienstag spät nachts bei Vollmond und stürzte sich dann, als er wieder nicht kam, gegen Mitternacht vom Turm. Da aus dem Brief nicht hervorging, daß Katharina Selbstmord begehen wollte, kam natürlich jetzt Altinger in Schwierigkeiten. Bei der gerichtlichen Untersuchung vor dem königlich bayerischen Amtsgericht in Rosenheim konnte er aber nachweisen, daß er die betreffende Nacht bei einer Bauerndirn in Prien verbracht hatte. Damit war er aus dem Schneider und die Geschichte fand so ihr Ende.

Seit dieser Zeit, so sagt man, hört man jeden ersten Vollmond im Oktober im Torbogen dieses Weinen und Schluchzen ...

Die Fraueninsel aus der Luft (Bild: Thomas Esch)  Großbild klick!














Karolingische Torhalle (Bild: Aconcagua)  Großbild klick!














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Die Krautinsel   Großbild klick!

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