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Amerikaner ankern anders
Paul Pollack, von Bord der SY IBIKOS


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Skipper kann man nicht nur an ihrer Nationalitätenflagge unterscheiden, sondern auch an der Art wie sie ankern: Die Italiener sind lässig, die Amerikaner unbekümmert, die Franzosen unbelehrbar, die Deutschen belehrend, die Griechen hysterisch, die Nordländer umständlich und die Briten sind "wilde Hunde". Das soll nun nicht heißen, daß alle Griechen Choleriker und alle Deutschen Schulmeister sind, so wie ja auch nicht alle Schweden blond und blauäugig, nicht alle Iren rothaarig und nicht alle Italiener katholisch sind, aber ein gewisse Typisierung läßt sich zumindest soweit treffen, daß ein Franzose, der sich am Ankerplatz wie ein Irrer gebärdet, eben der griechischen Kategorie zuzuordnen ist, was für mich heißt: Er ankert wie ein Grieche.

Es würde beispielsweise einem Südländer, sei er Grieche, Italiener oder Türke, nie im Traum einfallen, einen Skipperkollegen, dessen Anker schon das dritte mal slippt, anzupreinen, um ihn mit der Binsenweisheit zu belehren: "Sie müssen mehr Kette stecken". Soetwas machen nur Deutsche. In der Karibik kam sogar einer im Dingi angerudert, um mich mit Äzzes zu versorgen. Er machte sich auch erbötig, für mich das Ankermanöver zu fahren. Der Dingi-Lotse verschwand aber kleinlaut wieder, als ich beim Ankern nach seinen Instruktionen, nach einem Baustahlgitter, einem Stück Segeltuch und einer Plastikplane im vierten Anlauf einen Jutesack auf der Ankerschaufel hatte. Manche Häfen sind eben sehr verschmutzt. Zum Glück klappte das Manöver beim 5. mal, sonst wäre mir der Schulmeister wirklich an Bord gekommen. Amerikaner geben sich mit der Frage, ob der Anker wirklich hält, erst gar nicht ab. Der Skipper, Kategorie Amerikaner, rauscht mit seinem Boot zum Ankerplatz, wirft das Eisen und ein paar Meter Kette ins Wasser, vertraut auf Gott und geht schwimmen. Wenn ihn Gott enttäuscht, kommt ihm das Schiff nachgeschwommen, ich habe aber auch schon beobachtet, wie die Yacht in die andere Richtung getreiben ist, direkt auf einen Totalschaden zu. So schnell habe ich noch keinen Skipper schwimmen gesehen.

Am Liegeplatz vertraut die amerikanische Kategorie nicht nur auf Gott, sondern auch auf den Anker der Nachbarn. Sie schieben sich, Heck voraus, zwischen zwei Boote an die Mole und machen fachmännisch mit zwei Leinen fest - ein perfektes Manöver, mit einem winzigen Fehler: Sie haben vergessen einen Anker auszubringen. Darauf angesprochen, wirft ein geübter Lassoschwinger das Eisen wie einen unliebsamen Stein über Bord. Wird schon halten. Oder sie appellieren an die Kameradschaft ihrer Stegnachbarn, wenn sie bitten, eine Vorleine am Nachbarschiff festmachen zu dürfen. Kein Scherz! Und es ist mir nicht nur einmal passiert.

So wie vor den unbekümmerten Amerikanern muß man sich auch vor den Franzosen in acht nehmen. Die haben das Segeln und Ankern angeblich erfunden und sind daher unbelehrbar, erstens, weil sie nur französisch sprechen und zweitens, weil sie auch aus Erfahrung nicht klug werden wollen. Da hängt sich so ein Skipper, Kategorie Franzose, dicht an die Mole, um es den Damen seiner Crew leichter zu machen, das Schiff im engen modischen Röckchen zu verlassen. Ein Kavalier der alten Schule. Von allen Nachbarn und guten Geistern beschworen, sich doch etwas weiter nach draußen zu verlegen, da der Schwell der ein- und auslaufenden Fähren mörderisch ist, verholt sich der Skipper um einen Meter. Er weiß es besser. Der Schwell einer kleinen Motoryacht - beileibe noch keine Fähre - bringt den Franzosen schon kurze Zeit später in Bedrängnis, weil der zu kurz gesetzte Anker slippt. Der Franzose verholt sich jetzt zwar um gute drei Meter - weiter als jeder andere - doch denkt er nicht daran den Anker neu zu setzen. Die erste Fähre kommt. Ihr Schwell ist tatsächlich mörderisch und drückt die französische Yacht schräg soweit an die Mole, daß sie auf Grund sitzt. Helfer eilen herbei und schieben und drücken das Boot zurück ins tiefe Wasser. Der Skipper ist nicht da. Als er nach Stunden mit den Damen vom Abendessen zurückkehrt, hält er die Geschichte für einen Übersetzungsfehler. Er unternimmt auch nichts. Erst als sein Schiff um drei Uhr früh von der nächsten Fähre wieder auf Grund gesetzt wird, wirft er das Handtuch und verläßt, in seiner Skipperehre gekränkt, den Liegeplatz.

Wenn sich ein Nordländer zu einem Ankermanöver entschließt, dann geht er die Sache bedächtig an. Zunächst motort er zwischen allen Ankerliegern hin und her, bis er zumindest eine andere nordische Yacht ausgemacht hat. Dabei unterscheiden die Schweden zwischen Finnen und dem Rest der Welt, denn mit Finnen können sie nicht gut. Für einen Schweden ist ein Finne soviel wie ein halber Rusß', außerdem kann man sich mit Leuten, die eins, zwei, drei, mit yksi, kaksi, kolme übersetzten, nicht unterhalten.

Ist eine nordische Yacht (ausgenommen eine finnische) gefunden, geht der Nordländer erst einmal längsseits, um einen Schnaps zu trinken, im Gegenzug zu einem Schnaps einzuladen, und um sich um die Modalitäten des Ankerplatzes zu erkundigen: Wie ist der Grund beschaffen, wie tief ist es, woher weht der Wind, wie weit ist es zum Ufer und wie weit zum Restaurant. Letzteres kann er zwar selbst sehen, aber Nordländer glauben nur selten was sie sehen. Daran ist das Fernsehen schuld. Mit allen Informationen versorgt, trinkt der Nordländer noch einen Schnaps, ehe er mit dem eigentlichen Ankermanöver beginnt. Das heißt, zuerst motort er nochmals zwischen den anderen Ankerliegern hin und her, da Skipper und Mannschaft Zeit brauchen sich eine Badehose anzuziehen, auf die sie an Bord grundsätzlich verzichten und um zu beratschlagen, ob es richtig ist, den Buganker jetzt schon klarzumachen oder erst, wenn man wirklich den Ankerplatz erreicht hat.

Irgendwann ist es dann soweit. Der Buganker ist nicht klar, also fährt der Nordländer noch eine Runde zwischen den Yachten, ehe er den Anker tatsächlich fallen läßt. Er holt ihn aber gleich wieder auf, weil die Kette nicht lang genug war, um die eine nordische Yacht mit der anderen nordischen Yacht in ein Päckchen oder zumindest in deren unmittelbare Nähe zu legen. Verläuft die Halteprobe - mit Vollgas zurück - positiv, schickt der Nordländer zuerst seinen Sohn, dann seine Frau und schließlich sich selbst mit Taucherbrille und Schnorchel ins Wasser, um den Sitz des Ankers zu kontrollieren. Erst mit einem weiteren Schnaps wird das Manöver abgeschlossen.

Für einen Italiener ist so ein Lokalaugenschein unter Wasser undenkbar. Der Italiener besitzt oder chartert eine Yacht, damit er nicht ins Wasser muß und er wirft den Anker nur, um in Ruhe mittagessen und ungestört seine Siesta halten zu können. Dazu genügt es, wenn der Anker an einem Büschel Seegras hängt. Falls er slippt, holt ihn der Italiener auf und setzt ihn ohne viel Federlesen neu. Über Nacht bleibt der Italiener ohnedies nie am Ankerplatz. Sobald die Sonne sinkt, segelt oder motort er mit allen anderen Italienern zum nächsten Hafen, um nach diesen endlosen Stunden der Ruhe endlich wieder unter Leute zu kommen.

Im Gegensatz zur Lässigkeit, mit der die Italiener ihren Anker baden, befinden sich die Skipper griechischer Prägung während des gesamten Ankermanövers in permanenter Aufregung: Der Ankergrund paßt nicht, die Vorschiffcrew ist zu langsam oder zu voreilig, der Abstand zum Nachbarn ist zu klein, der zum Ufer zu groß. Griechen ankern nicht, sie verhindern Katastrophen, deshalb rennen sie auf dem Schiff ununterbrochen auf und ab: Nach vorne, um der Ankercrew alles zum dritten mal zu erklären, nach hinten um den Gashebel von voll vorwärts auf volle Kraft zurück zu reißen, nach vorne, um die Crew zusammenzustauchen, nach hinten um sich über die Unfähigkeit des Ankermaats zu beklagen. Und das alles in einer Lautstärke, als gelte es einen Flugzeugträger zu kommandieren.

Ganz schlimm wird es, kommt man einem Griechen in einer Bucht in die Quere. Schon lange bevor man den eigenen Ankerplatz erreicht hat, ist der Grieche darüber aufgebracht, daß man seine Kreise stört, daß man die Kette über seine legen oder gar seinen Anker ausbrechen könnte, daß der Schwoikreis zu knapp ist, was unweigerlich zu einem gröberen Schaden an seiner Yacht führen werde und er macht auch keinen Hehl daraus, daß er jeden anderen Skipper, außer sich selbst, für einen unerfahrenen Dilettanten hält. Anderseits: Liegt man schließlich in sicherem Abstand, so ist der Grieche der liebenswürdigste Nachbar, stets bereit zu einem Schwätzchen. Bleiben noch die "wilden Hunde", die Briten. Sie preschen mitten unter die anderen Yachten hinein, werfen ihren Anker, wo er ihnen gerade ausrauscht und kümmern sich einen Deut um andere Ketten, Anker, Leinen oder Schwoikreise. "Don't worry" ist die Zauberformel, mit der sie alle Proteste abwehren, "it will do" der Glaubenssatz, mit dem sie sich selbst überzeugen, daß zumindest im Augenblick nichts mehr zu tun ist.

Ich selbst kann mich in diese Kategorien nicht recht einordnen. Mir fehlt von jeder ein bißchen. Von den Italienern die Nonchalance, von den Amerikanern die Unbekümmertheit, von den Franzosen die Selbstsicherheit. Ich hätte gerne mehr vom Temperament der Griechen, wäre gerne so überzeugt von mir wie die Deutschen, und tränke auch gerne vor jedem Ankermanöver einen Schnaps, wie die Nordländer, allerdings würde ich dabei meine Badehose anbehalten. Das Manko, das sich da bei mir auftut, versuche ich mit Ruhe und Beharrlichkeit wett zu machen, das heißt, ich fahre meine Ankermanöver ruhig und beharrlich, wenn es sein muß auch 13 mal, wobei ich mir allerdings nie sicher bin, ob ich bei den vorangegangenen zwölf Versuchen nicht einen Fehler gemacht habe. Aber letzten Endes interessiert mich nur das Ergebnis: Der Anker muß halten. Mit dem britischen "it will do" kann ich mich nicht anfreunden.

Diese Leseprobe ist meinem neuen Buch "Törnröschen" entnommen. Die heitere Törngeschichte ist im Delius Klasing Verlag erschienen.



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