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"Es sterben nie alle gemeinsam"


Igor Kalinin überlebte 1989 den Untergang des U-Bootes Komsomolez. Das Ende der Kursk weckt bei ihm böse Erinnerungen
Von Katja Tichomirowa


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ST. PETERSBURG, im September. Es war fast dunkel und es schneite. Wie lange er in der eisigen Nordsee schwamm, weiß Igor Kalinin nicht mehr. Er erinnert sich nur noch daran, dass seine Hände kalt waren, so kalt, dass die Schneeflocken auf ihnen nicht mehr tauten. "Da habe ich zum ersten Mal gesehen, wie schön die Flocken sind."

Nachdem er von Bord gesprungen war, versuchte Kalinin, die Rettungsinsel zu erreichen. Aber wegen der hohen Wellen verlor er sie immer wieder aus den Augen. Hinter ihm sank die Komsomolez. "Ich hatte Angst, dass der Strudel des untergehenden Schiffes mich in die Tiefe ziehen würde. Aber es sank ganz langsam", erinnert er sich. Der Bug stand senkrecht nach oben, an den die Kommandobrücke und das riesige Steuerruder. "Das Schiff ragte wie ein riesiges Kreuz aus dem Wasser", sagt Kalinin.

Es war am 7. April 1989, als der Stolz der sowjetischen Nordmeerflotte 500 Kilometer vor der norwegischen Küste zwischen dem Nordkap und Spitzbergen sank, 73 Grad, 44 Minuten nördlicher Breite, 13 Grad, 18 Minuten östlicher Länge - 6 400 Tonnen Stahl und Titan verschwanden in der Tiefe. Das Schiff, ein U-Boot-Jäger, 1984 gebaut, war 110 Meter lang. 95 Mann Besatzung befanden sich an Bord der Komsomolez. 27 überlebten den Untergang. Unter ihnen war Igor Kalinin, ein Funkingenieur.

"Als es passierte, war ich in der Kommandozentrale", sagt Kalinin. Der Erste, der starb, war Awdar Kakataschwili, ein Matrose, der sich zum Zeitpunkt des Unglücks in der siebten Sektion des Bootes befand. Wenige Minuten zuvor hatte er gemeldet, alles sei in Ordnung. Kurz darauf muss es dort zu einer Explosion gekommen sein. Das Feuer griff auf die benachbarte Sektion über. "Wir hörten seine Schreie", sagt Kalinin. Dann brach der Kontakt ab. Nur die Messgeräte zeigten an, dass der Druck und die Hitze ständig stiegen. Das konnte niemand überleben.

Nur eine Rettungsinsel

Sechs Stunden lang versuchte die Besatzung, das Feuer zu löschen. Das Flottenkommando versprach, ein Rettungsschiff und Unterstützung aus der Luft zu schicken. Dann, gegen 17 Uhr, drang Wasser in die ausgeglühten Sektionen, die Geräte fielen aus. Als der Kommandant den Befehl gab, das Boot zu verlassen, war noch keine Hilfe eingetroffen. Die Rettungseinrichtungen an Bord aber reichten nicht. "Wir versuchten, die Tauchkapsel zu erreichen, aber sie hatte sich aus ihrer Verankerung gelöst", erzählt Kalinin. Den Überlebenden blieb nur eine Rettungsinsel, die zweite kenterte sofort.

"Wir klammerten uns aneinander, zuerst an den Händen, dann hielten wir uns an allem fest, was wir zu fassen bekamen. Am Ende, als wir Arme und Beine nicht mehr bewegen konnten, hielten wir uns mit den Zähnen an den Uniformkragen fest." Viele der Männer hatten schwere Verbrennungen und konnten ohne Hilfe die Rettungsinsel nicht erreichen. Als sie es schließlich geschafft hatten, hörten sie eine Explosion unter Wasser. Dann kam wieder eine Welle und es war still. "Wir hatten gelernt, dass man in 4 Grad kaltem Wasser nur 18 Minuten überleben kann. Alle wussten, das diese Zeit um war."

Igor Kalinin erzählt leise. Sein Blick ist ruhig und konzentriert. Nur seine Hände bewegen sich über die Tischplatte, sie ordnen die Gegenstände auf dem Tisch, greifen nach einem Feuerzeug, dem Aschenbecher, einem Milchkännchen.

Irgendwann entdeckten die Überlebenden ein Aufklärungsflugzeug der norwegischen Luftwaffe, das über der Unglücksstelle kreiste. "Das hat vielen von uns geholfen durchzuhalten", sagt Kalinin. "Sie konnten uns nicht helfen, aber wir wussten, dass man uns bemerkt hatte, dass Hilfe kommen würde. Diese innere Anspannung, die Hoffnung auf Rettung, das hat uns am Leben erhalten." Das erste Schiff, das die Männer erreichte, war ein russischer Fischtrawler. "Wir hörten die Motorengeräusche, die Stimmen der Fischer." Doch genau in diesem Moment, so erinnert sich Kalinin, ertranken viele seiner Kollegen. Die Hilfe vor Augen, entspannten sie sich. "Viele verloren das Bewusstsein, ich auch."

Die norwegische Seerettungszentrale in Bodö hatte der sowjetischen Flotte schon frühzeitig Hilfe angeboten. Die Admiräle hatten abgelehnt. "Ich werde das nie verstehen", sagt Igor Kalinin. "Wir hatten nur einen Gedanken. Wir konnten uns nicht mehr selbst helfen, wir hofften auf Hilfe von außen. Wer in der eiskalten See treibt, wird nicht unterscheiden, ob er von einem norwegischen, einem amerikanischen oder einem russischen Schiff aufgenommen wird. Die Norweger hätten früher am Unglücksort sein können", sagt Kalinin. "Es wäre die Pflicht der Flotte gewesen, das Angebot anzunehmen."

Daran habe er wieder denken müssen, als vor einigen Tagen die "Kursk" unterging, sagt Kalinin. Es sei quälend gewesen, diese Katastrophe zu verfolgen, unerträglich. Überall habe er angerufen, um etwas in Erfahrung zu bringen. Schließlich habe er den Männern nur noch einen schnellen Tod gewünscht. "Aber sie sterben nie alle gemeinsam. In einigen Abschnitten des Bootes wird es Überlebende gegeben haben", sagt er.

"Ich kann nicht glauben, dass wir keine Möglichkeit hatten, sie zu retten", sagt Kalinin. "Elf Jahre sind vergangen, seit die Komsomolez unterging. Ich kann nicht glauben, dass man aus den Fehlern von damals nichts gelernt hat."

Das gilt auch für den Umgang mit den Angehörigen. Auch die Ehefrauen, Mütter, Väter und Kinder der Männer auf der Komsomolez ließ man lange Zeit im Ungewissen. Die Flottenleitung führte alle Verwandten zusammen. Stundenlang warteten sie auf Nachrichten und mussten erleben, wie die Verantwortlichen begannen, das Begräbnis zu organisieren. Erst nach zwei Tagen sagte man ihnen, wer das Unglück überlebt hatte. "Die Folgen waren schrecklich. Für die Frauen war es schlimmer als für uns. Wir hatten um unser Überleben wenigstens noch kämpfen können."

Die Komsomolez sei ein gutes Boot gewesen, sagt Kalinin. "Das beste." Er kannte das Schiff, seit es in Dienst gestellt worden war. Mit 22 Jahren, gleich nach der Ausbildung zum Funkingenieur, kam er auf die Komsomolez und blieb bis zu ihrem Ende. "Es war die beste Zeit in meinem Leben", sagt er, "nicht nur weil ich jung war. Es war das Boot, die Mannschaft, die Arbeit auf See, der Stolz, der Marine zu dienen." Was vielen Menschen an Land nicht gelingen wollte, glückte auf dem Boot: "Wir waren ein Kollektiv, eine wirkliche Gemeinschaft. Wir konnten uns aufeinander verlassen, weil wir Verantwortung füreinander und für das Boot trugen. Auf der Komsomolez waren wir sicher."

Natürlich, er habe auch die Angst kennen gelernt, sagt Kalinin. Aber sie sei ein gutes Gefühl gewesen. "Jeder U-Boot-Fahrer, der in See sticht, hat ein Gefühl für die Gefahr. Unter Wasser wird er auf jedes Geräusch achten, die Geräte häufiger kontrollieren als vorgeschrieben."

Die Katastrophe von 1989 hat Kalinins Leben verändert. "Das Gefühl für Sicherheit und Vertrauen ist mit der Komsomolez untergegangen", sagt er. Als er wieder arbeiten konnte, diente er an Land, als Ausbilder. "Aber das war nicht meine Welt, sagt Kalinin. "Ich wollte wieder zur See." Doch die Ärzte stimmten seinem Einsatz auf einem U-Boot nicht mehr zu. Bis 1993 arbeitete Kalinin an einer Marineschule in St. Petersburg. Dann nahm er seinen Abschied.

Igor Kalinin hätte es gern gesehen, wenn sein Sohn die Marineschule abgeschlossen und die Familientradition fortgesetzt hätte. "Ich bin in einem Flottenstützpunkt geboren", sagt Igor, "in Seweromorsk. Auch mein Vater war bei der Marine, auch auf einem U-Boot." Aber sein Sohn habe die Militärschule nach zwei Jahren abgebrochen. "Was sollte ich tun", sagt Igor, "ich konnte ihm nicht klar machen, dass er die fünf Jahre durchstehen muss. Dass er auf See lernen würde, was ihm an Land keiner geben kann."

So gibt es die Seefahrt heute nur noch in Kalinins Erinnerung. Und im Gespräch mit den Leuten vom Verein der U-Boot-Fahrer in St. Petersburg. Mit vielen von ihnen teilt er die Erfahrung, den Untergang eines Bootes überlebt zu haben. Die Marineangehörigen bilden eine Elite, und dieses Zusammengehörigkeitsgefühl bleibt auch bestehen, nachdem sie aus dem Dienst ausgeschieden sind. Der Verein hat auch die Hilfe für die Verwandten der Kursk-Opfer übernommen. Die Männer nutzen ihre Verbindungen und ihre gute Ausbildung, einer hilft dem anderen. So hat auch Kalinin eine neue Arbeit gefunden. Es ist ein guter Job in einer erfolgreichen Firma. Aber mit seinem früheren Job ist er nicht zu vergleichen.

Altersschwäche und Verfall

Die Flottenleitung könnte von den Erfahrungen der ehemaligen U-Boot-Fahrer profitieren. Doch sie will nicht. Dabei hätte einer wie Kalinin viel zu sagen. "Marazm", sagt er, das russische Wort für Altersschwäche, Verfall und Niedergang. "Die Marine ist Marazm. Nicht auf See, aber an Land, bei der Flottenleitung, in den Marineschulen." Überhaupt stelle alles, was mit Technik zu tun habe, in Russland eine Gefahr dar. Nicht weil die russische Technik schlechter sei als die westliche. Sie werde nur nicht gewartet. "Das kostet Geld und das haben wir nicht", sagt Kalinin. Also schone man die Geräte und verliere so die Routine im Umgang mit der Technik. Man hoffe einfach darauf, dass alles gut geht. "Das liegt in unserer Natur", sagt Kalinin. "Der russische Bauer bekreuzigt sich erst, wenn der Blitz schon eingeschlagen hat."

Kalinin pflegt den Kontakt zu jenen Kollegen von der Komsomolez, die das Unglück 1989 überlebten. Jedes Jahr am 7. April treffen sie sich in St. Petersburg. "Aber schon im März beginnen wir uns zu erinnern", sagt er. Dann werden Briefe geschrieben, Telegramme, und es wird telefoniert. Zu den Verwandten der Opfer jedoch ist der Kontakt abgebrochen. "Von Anfang an hat man uns getrennt", sagt Igor. Diese Menschen hätten viel durchgemacht. Entschädigungen wurden versprochen und nicht gezahlt.

Das Boot liegt noch immer mit einem Atomreaktor und zwei Nuklear-Torpedos an Bord unter einer Beton-Decke in 1 685 Meter Tiefe. Der Plan, die "Komsomolez" zu bergen, wurde aufgegeben. Auch dazu fehlte das Geld.


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