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Die aktuelle Geschichte:
Mit der "Lili Marleen" im Persischen Golf


Von Hella Kaiser


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Wenn Lilis fünfzehn weiße Segel sich im Wind blähen, werden Land- zu Wasserratten

Auf seinem Akkordeon beherrscht Bordmusiker Martin Hochholzer wohl alle Shantys dieser Welt. Aber zwischendurch spielt er - immer mal wieder - "Lili Marleen". Das muss sein, denn schließlich steht dieser Name am Bug des Großseglers. Die letzte, von Hochholzer keck hinzugedichtete Strophe singen die Passagiere besonders gern mit: "Unsere Barkentine ist ein schönes Schiff ... ". Ist ja wirklich nicht gelogen. "Aus der Ferne müssen wir toll aussehen", schwärmt ein Passagier und bedauert, dass hier im Persischen Golf keine Kreuzfahrtdampfer vorbeikommen. Denn dann, da ist er sicher, "würden alle Passagiere neidisch rübergucken". Lilis fünfzehn weiße Segel blähen sich im Wind ...

Wenig später ragen die drei Masten des Großseglers nackt und bloß in den arabischen Himmel. Wir ankern vor der omanischen Halbinsel Musandam. Von der Küste aus betrachtet, so hoffen wir, müssten wir ein überaus friedliches Bild bieten. Kein Vergleich zu den mit Kanonen bestückten portugiesischen Schiffen, die vor mehr als fünfhundert Jahren die Länder rund um den Persischen Golf erkundeten. Damals hatten sie ein paar zum Tode verurteilte Menschen an Bord, die sie für den Fall eines unfreundlichen Empfangs zuerst an Land sandten.

Unser Kapitän schickt Oberzahlmeister Erwin Schulz. "Wir sind alle ein bischen nervös", sagt der Erste Nautische Offizier, und skeptisch schauen wir Schulz in seinem Schlauchboot hinterher. Niemals zuvor, so hatte Kapitän Immo von Schnurbein abends in der Lounge erzählt, sei ein Touristenschiff hier entlang gefahren. Und nur weil er einst die omanische Marine mit ausgebildet hat, dürfen wir vor der kleinen Ortschaft Limah vor Anker gehen. Und werden - der Oberzahlmeister ist freudestrahlend zurückgekommen - ausgebootet.

Erste, vorsichtige Schritte an Land. Die weiblichen Passagiere haben sich auf Geheiß züchtig bedeckt, "denken Sie daran, es ist ein islamisches Land!" und, ja doch, wir werden beim Fotografieren zurückhaltend sein. Das wird schwierig, weil sich die Kinder des Dorfes immerfort zu Gruppenbildern aufstellen. Ein paar Männer mit malerisch um den Kopf gewundenen Tüchern lächeln uns zu, und hin und wieder grüßt einer: "As Salamu alajkum." Zwei Halbwüchsige preschen auf einem Motorroller vorbei und rufen ausgelassen "Hello, hello". Wir schauen dem Schneider beim Bügeln zu, aber niemand traut sich in Mohmed Bin Ali Bin Ahmeds "Haircutting saloon".

In einem winzigen Restaurant essen Einheimische Reis mit Fleisch und Kichererbsen. Das hätten wir ganz gern probiert. Aber wie sollen wir das später Chefkoch Lars Wilbrecht beichten, der das Vier-Gänge-Menü bestimmt schon wieder fertig hat? Während wir mit nackten Füßen durch den schwarzen Sand spazieren und exotische Muscheln sammeln, sind ein paar von den attraktiven einheimischen Mädchen nach Hause geeilt und haben ihre Fotoapparate geholt. Wir posieren brav. Und nehmen von diesem Landgang, auch angesichts einiger stattlicher

Villen, die Erkenntnis mit, dass Oman kein armes Land ist. Aber eins, so hatte Kapitän von Schnurbein geschwärmt, "mit tief verwurzelten arabischen Traditionen". Hier kommt die Preisung Allahs nicht vom Band, hier ruft der Muezzin noch höchst persönlich zum Gebet.

Die schroffe Bergkulisse Musandams verschwimmt im Abendlicht. Die Passagiere lehnen am Tresen vom Palaverdeck und schwanken leicht, obwohl Barkeeper Ralf Hintzen gerade mal die ersten Gin Fizz gemixt hat. Vorsorglich legt er viereckige Gummimättchen unter die Gläser und rollt Handtücher zwischen die Flaschenbatterien. "Noch ein Glas Wein?", fragt er höflich, doch die angesprochene Mitseglerin winkt ab: "Lieber etwas Wasser." Zwei Matrosen spannen flugs Seile an Deck. Zum Festhalten. "Es könnte", sagt einer grinsend, "bald ein bisschen rutschig werden."

In der Kabine ist es trocken. Aber mächtig turbulent. Mit welcher Wucht die Wellen gegen das Bullauge klatschen! Von einer "20 Grad Neigung" spricht Immo von Schnurbein am nächsten Morgen und freut sich: "Unser Schiffchen hat sich brav gehalten." Einige der Passagiere sehen blass aus. In dieser Region sei eine hohe Dünung nicht ungewöhnlich, sagt der Kapitän und erklärt detailliert, warum sie in keinem Verhältnis zu einem normalen Seegang bei Windstärke 5 oder 6 stehe. Mag der "Waschschüssel-Effekt" für manche auch faszinierend sein, die meisten Anwesenden vernehmen erleichtert die abschließende Botschaft des Kapitäns: "Die See hat sich beruhigt."

Dafür weht eine steife Brise. Und Immo von Schnurbein - "Wenn wir Motorkraft brauchen und nicht segeln können, blutet uns das Herz" - ruft einen Teil der insgesamt 25-köpfigen Crew an Deck. Wir haben was zu gucken. "Vor der Brücke stehen Sie sicher", sagt der Erste Nautische Offizier und sein Kollege ruft einem Passagier zu: "Achtung, Sie stehen im Schwenkbereich!" - "Abstoppen, belegen, fest an Steuerbord", "noch ein Pull" und "Schott vor Bram" lauten die Befehle. Minuten später sieht "Lili Marleen" wieder aus wie auf dem Reklameprospekt. Aus der Ferne, wohlgemerkt.

"Jetzt ist ja hier nur Schatten", grummelt eine Kreuzfahrerin mit Blick auf ihren Liegestuhl. Das Sonnendeck eine Etage höher liegt im gleißenden Licht, aber es lässt sich nur über eine enge, steile Leiter besteigen. "Es ist erstaunlich, wer sich da so alles hochquält", bemerkt ein Crewmitglied milde lächelnd. Man vernimmt die Anspielung auf einige vollschlanke Passagiere und guckt verstohlen an sich runter. Hätte man die Medaillons vom Rinderfilet in Morchelrahm gestern Abend etwa stehen lassen oder wenigstens auf die Pastete an Zedern- und Nelkensauce verzichten sollen? Lars Wilbrecht kocht einfach zu gut.

In der Ferne gleitet ein Riesenschiff vorüber. "Viertausend Container" zählt ein Offizier beim Blick durchs Fernglas und schätzt die Geschwindigkeit auf 20 Knoten. Unsere Barkentine "mache" jetzt flotte sechs. Ein paar Delfine an Steuerbord halten mit und geben auf dem Weg nach Dibba Geleitschutz. Ein Teil der Stadt gehört zu Oman, die beiden anderen zu den arabischen Emiraten Sharjah und Fujairah. "Früher, als die Karawanen hier durchzogen, war der Ort ein wichtiger Umschlagplatz", erklärt unser Führer Feijahz. Dass das Öl hier noch reichlich fließt, beweisen die vielen neuen Gebäude.

Entlang der Hauptstraße von Masafi (Fujairah) erstreckt sich ein riesiger Markt. Verschleierte Frauen steigen zum Einkaufen aus edlen Limousinen mit dunkel getönten Scheiben und feilschen mit den pakistanischen und indischen Händlern um die Preise von Auberginen, Orangen, Granatäpfeln oder Salat. Die Damen siegen, immer! "Sogar den fixen Goldpreis versuchen sie zu drücken", erzählt Feijahz. Das sei eigentlich nicht möglich, aber "diese Frauen schaffen sogar das".

Im Emirat Sharjah, nebenan, sieht der Rasen zwischen penibel gepflegten Blumenrabatten aus, als sei er mit der Nagelschere geschnitten. Kein Emirat wird strenger geführt, das Alkoholverbot gilt sogar in den internationalen Hotels. "Wird jemand beim Trinken oder sonstigen Vergehen erwischt, bekommt er Prügel", erklärt unser Führer. Das Auspeitschen geschehe öffentlich, zum Beispiel an einer Straßenkreuzung.

Angesichts solcher Erzählungen wirkt das deutsche Schiff - um vier Uhr nachmittags gibt's selbstverständlich Kaffee und köstlichen Kuchen - wie ein sicherer Hort. Darauf noch einen Cognac? Nichts da. "Aufentern in den Fockmast", hallt es über den Bordlautsprecher. Ein paar Mutige klettern - natürlich angeseilt - in die Takelage. "Ist nicht schwer", sagt der ukrainische Matrose Nikolai lachend. Aber dem wird ja auch nicht bang, da oben in schwindliger Höhe. Nach der Aktion stellt ein Passagier ernüchtert fest: "Als Statist für einen Piratenfilm tauge ich wohl nicht."

Kurs auf Dubai. Nach der Einfahrt in den Creek müssen Kapitän und Besatzung höllisch aufpassen, weil alle möglichen Dhaus und Wassertaxis hier herumwuseln. Trotzdem, könnte "Lili Marleen" zur Begrüßung nicht ein bisschen tuten? Immo von Schnurbein schüttelt den Kopf und guckt streng: "Auf einem Segelschiff macht man nicht soviel Gedöns", sagt der ehemalige Kommandant der "Gorch Fock".

Eine Lichterkette musste er gestatten. So geschmückt liegt die Barkentine nun am Kai von Dubai und konkurriert mit der imposanten Kulisse der Stadt. Langsam, sehr langsam, gehen die Passagiere von Bord.

Kein Gedanke mehr daran, dass die Kabinen ja doch recht eng waren und man sich bisweilen "mehr Auslauf" gewünscht hätte. 74 Meter misst "Lili Marleen" vom Bug bis zum Heck, da kann man keinen Joggingparcours anlegen. Vergessen das leichte Unbehagen, viel zu wenig von der Zauberwelt Omans gesehen zu haben. 421 Seemeilen haben wir mit der Barkentine zurückgelegt. Nicht viel für einen gestandenen Seemann, aber genug, um sich als Landratte in ein Schiff zu verlieben.



Weblinks:
Lilli Marleen uf'm Atlantik
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