Lokale Winde rund Korsika von Rolf Jüngermann 1. Unerwartete Nordlage an der Ostküste Korsikas 2.1. Wetterberichte im westlichen Mittelmeer 2.2. Von einem Mistral im Golf de Lion erwischt - was tun ? 2.3. nächtliche Beruhigung des Mistral - ein weit verbreiteter und manchmal folgenschwerer Irrtum
Die Ostküste Korsikas ist nicht besonders populär unter Seglern. Zu Recht. Der südliche Abschnitt der Ostküste wird hingegen gerne besucht. Ja, er ist in mancherlei Hinsicht sogar attraktiver als die Westküste, weil man dort in einer Reihe von gemütlichen und romantischen Ankerbuchten mit teilweise hervorragenden Sandstränden gute Deckung und sicheren Schutz vor Libeccio und Mistral findet. Und bei Flaute geht´s ab in die nahe gelegene Strasse von Bonifacio. Dort weht meist immer noch eine frische Brise. Es gibt jedoch eine ausgesprochen unangenehme Nordlage an der Ostküste, auf die die meisten Segler - bis auf die einheimischen - nicht eingestellt sind auf ihren gemütlichen und sicheren Ankerplätzen (oder auf ihrem Rückweg unter Termindruck nach Elba). Die Situation entwickelt sich etwa so
: Eine durch Mistral und Genuatief geprägte Starkwindperiode mit vorherrschend westlichen Windrichtungen geht zuende. Der Revierkundige merkt das u.a. daran, dass das Genuatief in Bewegung
Manchmal dauert der Spuk nur wenige Stunden, kann aber leider auch über mehrere Tage gehen. Ist diese Nordlage vorbei, beginnt in der Regel die nächste hoffentlich lange Schönwetterperiode, bis Mistral und Genuatief erneut ihr hartes Regime errichten.
Die Wetterberichte kündigen diesen Nordwind nicht immer deutlich genug an. Die Einheimischen und Revierkundigen kennen ihn jedoch als klassischen Teil des Wetterzyklus der Region. Ausweichen auf italienische, englische oder deutsche Wetterberichte ist aber nicht ungefährlich, da diese in der zentralen Frage (siehe oben) keine hinreichende Kompetenz haben. (Wahrscheinlich weil die Franzosen früher über die lokalen Messdaten verfügen, die für eine verlässliche und stundengenaue Vorhersage ausschlaggebend sind.) Auch Barometer und Himmelsbeobachtung bieten keine zuverlässige Hilfe. (Westlich von Toulon steigt das Barometer vor dem Ausbruch des Mistral oft sogar leicht an.) Also was tun? Man sollte - womöglich - . . . 2. Von einem Mistral im Golf de Lion erwischt - was tun ? - versuchen, trotz allem den beabsichtigten Kurs zu fahren? - oder schnellstens kehrt und gegenan zurück an die Côte d´Azur? - oder vor dem Wind ablaufen? - oder beidrehen? oder was ??? Der Mistral entwickelt eine solche Gewalt und vor allem eine solch steile und ständig brechende Welle, dass die französischen Segler auch grösseren Schiffen von all diesen Strategien abraten. Ihre Empfehlung: am besten noch bevor es richtig losgegangen ist versuchen, seitlich auszubrechen. Also zum Beispiel auf Steuerbordbug abrauschen nach NordOst in Richtung Riviera, wenn man sich gerade auf einer Überfahrt von der Côte d´Azur nach Korsika befand. Keinesfalls versuchen, vor dem Sturm abzulaufen und Calvi oder Ajaccio anzusteuern. Oder auf Backbordbug ab nach Südwest in Richtung spanische Küste, wenn man auf dem Weg zu den Balearen war. Die zentrale Zone der wirklich extremen Windstärken ist bei Mistral nämlich recht eng begrenzt. Sie greift meist in langgestreckter Zungenform etwa von Nordwest nach Südost (ganz grob die Linie Marseille - Nordsardinien oder auch Balearen) in den Golf de Lion hinaus und ist oft nur wenige Meilen bis -zig Meilen breit aber 100 und mehr Meilen lang. Sie schwenkt oft im Verlauf langsam immer mehr in Richtung Nordkorsika (Balagne / Cap Corse) um danach abzuschwächen. Wer also vor dem Wind nach Südosten abzulaufen versucht, läuft Gefahr, in dieser Extremzone zu verbleiben oder in sie hinein zu geraten und in eine problematische Lage zu kommen. Denn je länger der Mistral weht und je weiter der Fetch (also die Entfernung von der französischen Küste) ist, umso unangenehmer wird die Welle. Einige Meilen links oder rechts von dieser Sturm´zunge´ hingegen sind die Verhältnisse zwar noch schwierig genug, aber handhabbar. Nach allem was man hört, erübrigen sich Diskussionen über beidrehen oder gar
gegenan (´Moitessier-Kurs´) bei Mistral. Diese Sturmstrategien werden durch die spezifische Form der Welle bei Mistral ganz einfach unmöglich.
2. 3.nächtliche Beruhigung des Mistral - ein weit verbreiteter und manchmal folgenschwerer Irrtum Nachts beruhigen sich in aller Regel Wind und Welle erheblich. Das ist eine Grunderfahrung des Küsten-Skippers im westlichen Mittelmeer, die zu allen Jahreszeiten und bei nahezu allen Wetterlagen gilt. Und wenn schon das Fahrtziel in der ´falschen´ Richtung liegt und wir womöglich motoren müssen, dann lieber nachts. Das hat eine ganze Reihe von Vorteilen - so die durchaus korrekte Schlussfolgerung. Diese in Küstennähe gewonnene Erfahrung und die darauf beruhende Entscheidung zugunsten von Nachtfahrten kann bei Mistral üble Folgen haben. Die scheinbare nächtliche Beruhigung des Mistral betrifft nämlich nur das Land sowie einen mehr oder weniger schmalen Streifen an der Küste. Draussen - das heisst nur wenige Meilen vom plötzlich angenehm ruhig gewordenen Liegeplatz im Hafen oder in der Bucht entfernt - bläst der Mistral mit uneingeschränkter Kraft weiter, auch bei Nacht. Wenn man zum Beispiel bei dieser Wetterlage abends irgendwo von der südfranzösischen Küste aus aufbricht, ein Stückchen zu weit hinaus gerät und der Starkwind einen erst einmal erfasst hat, ist schnell ein ´point of no return´ passiert und an einen Rückzug nicht mehr zu denken. Den revierfremden Gästen an Bord ist das alles nicht bekannt und es gehört zu den unangenehmen Aufgaben eines verantwortungsvollen Skippers, in einer solchen Situation allen, die da drängeln und mehr oder weniger offen an seiner Kompetenz und seinem Mut zu zweifeln beginnen, entschlossen zu widerstehen und den ´ruhigen´ Liegeplatz nicht zu verlassen, bis die Sturmwarnung aufgehoben ist. Und den in der einschlägigen Literatur verbreiteten besonderen
seglerischen Leckerbissen einer schnellen Rauschefahrt ´auf dem Schwanz´ des ausklingenden Mistral hinüber nach Korsika sollte man lieber den gewieften
einheimischen Seglern mit ihrem in Jahrzehnten erworbenen 6. Sinn für diese Wetterlage überlassen.
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