EUROPÄISCHES SEGEL-INFORMATIONSSYSTEM
Von Eseln und Schustern
Impressionen von einer Yardstickregatta, von
Wolfgang Mayerhofer, Silbermedaillengewinner Finn, Tallin 78




Wenn dem Esel zu wohl ist, dann geht er auf’s Eis tanzen; Schuster, bleib’ bei deinen Leisten – so lauten die Sprichwörter, die uns beim Aufbruch zu neuen Ufern zum reflektierenden Innehalten mahnen.

Mir war in diesem Sommer – aller antizipierten Franzenreaktionen zum Trotz – so wohl wie schon lange nicht, sodaß ich nach Anfrage von Schwester und Schwager kein Innehalten brauchte: Ein frisch erworbenes Gebrauchtboot vom Typ Surprise sollte mit kundigen acht Händen halbwegs vernünftig um einen Regattakurs gesegelt werden, der CBS Cup war anvisiert, vier Hände fehlten noch.

Ohne langes Überlegen sagte ich zu, und damit stand meiner Premiere bei einem ernstzunehmenden Yardstick-Rennen nichts mehr im Wege.

Ein Vorschoter-Altstar aus den späten 70er-Jahren mit sehr viel 20er- Jollenkreuzer-Erfahrung sagte als Spinnaker- und Trimmexperte ebenfalls zu, sodaß die acht Hände komplett und wir alle sehr gespannt waren.
Nach drei kleinen Trainingseinheiten in durchaus unterschiedlicher personeller Zusammensetzung und bei Winden von 0 bis 6 Beaufort fühlten wir uns zwar nicht top-vorbereitet, aber zumindest hinlänglich sicher, das Boot ehrenvoll um die Tonnen zu bewegen.

Nachfolgend die persönlichen Reflexionen eines langjährigen Jollenseglers zum yardstickmäßigen Regattieren auf „Dickschiffen“.

* Andere Länder, andere Sitten! Ausweichmanöver in letzter Sekunde, Rettung aus einer heiklen Situation durch ein paar halb- bis illegale Pumpmanöver und Wriggen, leichte Berührungen ohne größere Folgewirkung gehören bei mir zum kaum mehr reflektierten Standard-Handlungsrepertoire.
Spätestens in einer immer knapper werdenden Backbord-/Steuerbordsituation, in der ich Schot und Pinne und Körper im gewohnten Takt ohne die geringste Erfolgsaussicht zu bewegen begann, wurde mir richtig schön ganzheitlich klar, daß „in letzter Sekunde“ auf so einem Schiff gar nichts mehr geht.

Mental hatte ich mir das in der Vorbereitung auf die Regatta sowieso klar gemacht, aber in stark automatisierten Abläufen, etwa in der Nachstartphase, brechen sich halt die gewohnten Muster die Bahn. Andere Sitten herrschen auch im Hinblick auf Kollisionen.
Zwei (schuldlose) „Feindberührungen“ brachten uns einen beidseitig verbogenen Heckkorb und den frischgebackenen Schiffseignern entsprechende Briefwechsel mit der Versicherung ein. Diese Berührungen wären auf den mir vertrauten Jollen allenfalls für einen Protest, kaum für mehr gut gewesen. Erste Lehre daher für mich: Zwei Züge im voraus denken ist noch wichtiger als in meinem angestammten Metier.

* Der „gesunde“ Skipperverstand hat immer Recht!
Eine der bereits angesprochenen Kollisionen passierte am Start und war geradezu klassisch. In Kenntnis seiner Pappenheimer hatte der Veranstalter bei der Steuermannsbesprechung extra darauf hingewiesen, daß es, anders als bei Bahnmarken, für Leeboote keine Verpflichtung gibt, innen überlappenden Luvbooten beim Startschiff Raum zu geben.
Und trotzdem: Wir waren vorsichtig ganz in Luv der Startlinie in der zweiten Reihe angestellt, um gleich nach dem Start nach Steuerbord hinauszusegeln, einige Boote versuchten sich noch von oben „hineinzuzwicken“, und trotz im 10-Sekunden-Takt hinausgeschrieenem „Nix geht!“ kam es zur Berührung.
Der schuldige Sportsfreund präsentierte zunächst ein halbherziges Geständnis in Form einer einzigen (!?) 360-Grad-Drehung, nach der Regatta liefert er bei der Bitte um versicherungsmäßige Bereinigung des Schadens einen überraschenden Kommentar: „So einfach geht das nicht, ihr habt uns ja bewußt hineingetrieben in diese Situation“. Damit verbunden war die Weigerung, einen offensichtlichen Fehler und den daraus resultierenden Schaden wieder gutzumachen.
Der materielle Nachteil läßt sich wohl verschmerzen, einigermaßen kurios allerdings ist die Begründung. Abgesehen von der heroischen Annahme, wir wollten in einem Feld von rund 40 Teilnehmern einen für uns bedeutungslosen Gegner in der Vorstartphase einer für uns wichtigen Wettfahrt in irgend etwas hineintreiben, würde ich selbst im Fall der Fälle sagen: Genau, das ist ja der Sinn von Vorstarttaktik, den Gegner in eine solche Situation zu bringen, ihn hineinzutreiben.

Zweite Lehre: Auf dem Boden der ISAF-Regeln zu stehen bringt offensichtlich wenig, wenn der „gesunde Skipperverstand“ etwas anderes herbeiwünscht.

* Ausagieren einmal anders! Nach der ersten Wettfahrt bei einigermaßen Wind war ich ziemlich ausgebrannt und darob einigermaßen erstaunt. Erstaunt deswegen, weil die ganze Angelegenheit im Vergleich mit dem Laser nicht gerade anstrengend war (ich mußte ja meine vielen Wenden nicht an der Winschkurbel exekutieren!).
Ein wenig darüber Nachsinnen brachte mir dann eine (mögliche) Erklärung: Ich hatte praktisch keine Möglichkeit, die Anspannung der Wettfahrt, insbesondere den Dichtestreß auf der Kreuz mit dem ungewohnten Boot, physisch auszuagieren. Statt dessen mußte ich „untätig“ auf der hohen Kante hocken, wobei der Klumpen in meinem Magen mehr und mehr zunahm.

Dritte Lehre: Ich habe sehr viel mehr Verständnis für jene Dickschiff-Skipper, die ihre Spannung mangels anderer Ventile durch Brüllen abbauen.

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